Aktuelle Zeit: 25.07.2014, 09:56

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 1 Beitrag ] 
Autor Nachricht
BeitragVerfasst: 06.01.2006, 11:24 
Offline
Administrator

Registriert: 13.02.2004, 10:53
Beiträge: 215
Wohnort: Arbeitgeberverband Gesamtmetall, Berlin
06.01.06
Blubbern ohne Ende - Cottbuser Kindergärten experimentieren mit der Wissenschaft

Von Klaus Muche

»Bildung von Anfang an« lautet ein oft gehörter Satz, wenn es um Konsequenzen aus der PISA-Studie geht. Bildung beginne nicht erst in der Schule, sondern schon früher. Wie erfolgreich dieser Anspruch in deutschen Kindergärten umgesetzt wird, will ND in einer kleinen Serie berichten. Im brandenburgischen Cottbus erlernen schon Vierjährige die Grundlagen der Naturwissenschaften.

Es war wie Weihnachten, nur viel schöner. Sie hielten sich an den Händen, tasteten sich in den vertrauten Raum, der plötzlich fremd war, weil da so viele Erwachsene herumstanden, die selber aufgeregt waren, wie Kinder vor der Bescherung.
»Wir sind die Schüler vom Steenbeck-Gymnasium«, erklärt Philipp Schulz, und weil nicht gleich Ruhe einkehrt, sagt er streng: »Setzt euch jetzt bitte mal hin und hört zu.« Ohne große Umschweife beginnt der »Unterricht«: »Wovon lebt die Kerze?« und »Wo bleibt die Luft?« Eher verständnislos betrachten die Vier- bis Fünfjährigen den Versuchsaufbau mit Wasserwanne und Glasbecher und wissen nicht recht, was die großen Jungs da überhaupt von ihnen wollen. Philipp zündet eine Kerze an und stülpt sorgfältig das Glas darüber. Langsam dringt von außen das Wasser unter den Glasrand und steigt innen hoch. Man denkt an die Zauberschule in Hogwarts und weiß von Harry Potter, um wie viel schwerer das Zuhören ist als das Zaubern selber.
»Nun hört aber mal zu«, sagt der Junglehrer ärgerlich. Es ist nicht leicht, die zehn Jahre zurückzusteigen in eine Kindheit, der man gerade entronnen ist. Seit zwei Jahren kümmert sich »Science on Stage Deutschland« um Physik im Kindergarten und in der Grundschule. Der Verein hatte ein Projekt des Winnweiler (Pfalz) Physiklehrers Werner Stetzenbach aufgegriffen und bei der europäischen Bildungsmesse 2003 vorgestellt. Stetzenbach hatte sich eines Tages gefragt, wie man Jugendliche möglichst früh für ein Thema motiviert, das sie ansonsten als erwachsene Schüler so schnell wie möglich abwählen. »Wenn wir etwas ändern wollen, dann müssen wir so früh wie möglich einsteigen«, sagt sich Stetzenbach und schiebt nach: »Warum nicht sogar schon im Kindergarten?«
Der Verein »mint-ec« entwickelte das Projekt für »ein früh einsetzendes, erlebnisorientiertes Nachwuchsmarketing für die Naturwissenschaften« weiter, und gemeinsam mit der Initiative »THINK ING.« aus Kreisen der Wirtschaft wurde Anfang 2005 das Projekt »PHYSIK in Kindergarten und Grundschule« gestartet. 83 Schulen wurden als Teilnehmer gelistet, davon 35 Schulen, die bis in den Sandkasten der pädagogischen Arbeit steigen, darunter das Steenbeck-Gymnasium in Cottbus.
Das Cottbuser Gymnasium mit »mathematisch-naturwissenschaftlicher Ausrichtung« hatte zuvor Erfahrungen ganz anderer Art machen können: Seine Schüler besuchen regelmäßig die Laboratorien der Universität. Da war es nahe liegend, seinerseits das Wissen an die nächste Generation weiterzugeben. Zudem traf es sich gut, dass der Physiklehrer Christian Theuner seinen Sohn täglich in den Montessori-Kindergarten brachte.
Dessen Konzept eignet sich gut für Experimente aller Art. »Wir sind immer auf der Suche nach Neuem«, sagt die Leiterin des Kinderhauses Irena Beßler, und freut sich über jede originelle Spende. Alte Radios beispielsweise, die neben Hammer und Zange im Regal des Gruppenraumes stehen. »Hilf mir, es selbst zu tun, ist unser Motto, und wenn ein Kind am Radio schrauben will, dann helfen wir eben«, sagt Irena Beßler.
.......................................................................................
Kita-Physik
Bereits im Vorschulalter nehmen Kinder an den naturwissenschaftlichen Phänomenen regen Anteil und versuchen, die Zusammenhänge zu ergründen. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass sogar schon bei Drei- bis Fünfjährigen die entwicklungspsychologischen Voraussetzungen für einen Zugang zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen angelegt sind. Entsprechende Bildungspläne bzw. Lernprojekte für Kindergärten gibt es mittlerweile in allen Bundesländern.
.......................................................................................


Mit 23 Dienstjahren hat sie noch einige Jahre DDR-Pädagogik erlebt, deren naturwissenschaftliche Ausrichtung manch PISA-Statistiker mit Wehmut erfüllen dürfte. Allerdings wird jetzt weniger zum »Kollektiv« erzogen, sondern gefördert, was zuvor störte: das Individuelle, die ganz speziellen Eigenheiten, die Ecken und Kanten. Was die Arbeit nicht einfacher macht. »Wir wollen das natürliche Interesse der Kinder wach halten«, sagt Beßler, wohl wissend, dass in den zehn oder dreizehn Schuljahren ziemlich viel davon verloren gehen wird.
Das Vertrauen der Eltern in das neue Angebot ist groß, immerhin ist es nicht ganz ohne Gefahr, wie jede gute Erziehung. Wenn das Spiel mit dem Wasser noch gewöhnlich ist, so gehört der Umgang mit Feuer nicht unbedingt zum kindlichen Alltag und Elektrizität, wie es vom Gymnasium als nächstes Thema geplant wird, dürfte zumindest in der Theorie ziemlich weit den Horizont eines Vorschulkindes übersteigen. Doch Beßler versichert, dass die Eltern nicht nur »total begeistert« sind, sondern sich an die Angebote des Kindergartens gewöhnt haben. »In dieser Physikstunde sehen sie nur noch einen zusätzlichen Höhepunkt.« Das könnte auch daher kommen, dass die Montessori-Pädagogik vorwiegend sozial starke Familien anspricht. Familien zudem, die beruflich stark eingespannt sind und ihren Kindern gleichfalls volle Bildungschancen einräumen wollen.
»Physik im Kindergarten« könnte aber noch aus einem ganz anderen Grund interessant sein: Zunehmend erziehen Mütter ihre Kinder allein, ältere Geschwister gibt es kaum noch und in der Nachbarschaft wird der Mangel an Spielkameraden spürbar. »Wir sind noch auf die Bäume geklettert«, sagt Gabi Mucha, die im Kinderhaus für das Physik-Projekt zuständig ist. Der Abenteuerspielplatz des Neubaugebietes Schmellwitz liegt zwar relativ nahe, aber zu weit entfernt für die Kleinen. Und selbst, wenn sich eine Art Spreewaldfließ durch die Cottbuser Plattenbausiedlung zieht, so ist es eine gekünstelte Natur, ohne den Lerneffekt, den einst das Landleben geboten hatte. Physikalisches Erfahrungswissen geht so unweigerlich verloren.
»Es ist uns schon sehr wichtig, das Projekt weiterzuführen«, sagt Christian Theuner. »Wir wollen wenigstens sechs mal im Jahr in den Kindergarten gehen.« Aber er beginnt jetzt schon die Termine nach vorn zu schieben. Zwei weitere Kindergärten haben Bedarf angemeldet, ohne dass dafür geworben wurde, und die Ressourcen einer Spezialschule sind begrenzt. »Habt ihr mal rumgefragt«, fragt Theuner bei der Auswertung, »wer noch Lust hätte?« Kopfschütteln. Gerade fängt die Physikolympiade an, Prüfungen kommen im Mai und in den Ferien fahren erwachsene Schüler überall hin, nur nicht unbedingt zur Arbeit in den Kindergarten.
Aus dem Glas heraus kriegt man das Wasser übrigens ganz einfach. Man kann es umkippen, oder mit dem Strohhalm von unten her ausblasen. »Cool«, sagt einer wie der andere und sie blubbern ohne Ende. Aus den geplanten 45 Minuten sind anderthalb Stunden geworden, was keiner vorausgesehen hatte. Und alles ist glatt gegangen, niemand hat sich die Finger verbrannt oder ein Glas zerbrochen. Nur öfter müssten sie kommen, die großen Jungs mit ihren schlauen Experimenten.

Die Broschüre »Physik in Kindergarten und Grundschule« ist bei THINK ING. erhältlich (www.think-ing.de).
Montessori-Kinderhaus in Cottbus, Tel: (0355) 82 10 40.
Steenbeck-Gymnasium: www.steenbeck-gymnasium.de

Quelle: Neues Deutschland 06.01.2006 (http://www.nd-online.de/funkprint.asp?AID=83662&IDC=31&DB=O2P)


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 1 Beitrag ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast


Sie dürfen keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Sie dürfen keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Sie dürfen Ihre Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Sie dürfen Ihre Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Sie dürfen keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
Gehe zu:  
cron
Powered by phpBB