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 Betreff des Beitrags: DIE ZEIT: Physik im Kindergarten
BeitragVerfasst: 10.01.2006, 19:15 
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Wohnort: Arbeitgeberverband Gesamtmetall, Berlin
Physik im Kindergarten

Stiftungen und Arbeitgeberverbände bringen schon Dreijährigen die Grundregeln der Naturwissenschaften bei. Viele Eltern finden das gut

Von SYLVIA Buckl

Zehn Uhr morgens in einem Hamburger Kindergarten. Die fünfjährige Naemi entdeckt den Magnetismus. Die Feilspäne, die vor ihr in einer Kunststoffschachtel liegen, nennt sie »schwarzes Pulver«. »Und wenn man da den Magneten dranhält, dann macht das Haare daraus ? siehst du?«, sagt die Kleine und strahlt stolz über das ganze Gesicht. Mit im Team der Miniforscher und Entdecker ist Gökem. Er erprobt gerade, wie aus einer Luftpumpe und einem Kissen eine Hebebühne wird. Assistiert von Viviana, die sich kichernd von ihm hochpumpen lässt.

Insgesamt stehen zwanzig Stationen für naturwissenschaftliche und technische Experimente in der Kita. Sie gehören zu dem Projekt »Versuch macht klug«, das die Stiftung Nordmetall zurzeit in ausgewählten Kindergärten erprobt. Ein Projekt, das so gut ankommt, dass es lange Wartelisten für das begrenzte Material im neuen Jahr gibt. Denn Bildungsangebote dieser Art sind in deutschen Kindergärten rar gesät.

Der Münchner Frühpädagogik-Professor Wassilios Fthenakis nennt zwei Gründe dafür: Zum einen hätten die Erzieher in den Kindergärten ? meist Frauen ? wegen ihrer Ausbildungsdefizite besonders bei Naturwissenschaft und Technik große Vermittlungsschwierigkeiten, zum anderen habe man sich in den vergangenen 30 Jahren zu stark auf soziale Fähigkeiten von Kindern im Vorschulalter konzentriert. »Die Denkentwicklung wurde vernachlässigt.« Buddeln, basteln und balgen ? das ist der Alltag in den allermeisten deutschen Kindergärten. »Vorschulische Bildung wurde bisher vor allem als Privatsache betrachtet«, sagt der Wissenschaftler.

Allmählich setzt ein Umdenken ein, auch in der Wirtschaft. Stiftungen großer Unternehmen und Arbeitgeberverbände sind sichtbar bemüht, den kleinen Gehirnen mehr Futter zu bieten, krankt doch der deutsche Bildungsbaum schon an der Wurzel, wie etwa der Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt bemängelt. Sogar die Unternehmensberatung McKinsey macht sich mittlerweile für die Kitas stark und fordert vom Bund 6,5 Milliarden Euro zusätzlich für den Ausbau der vorschulischen Bildung ? auch um die Ausbildung der Erzieher zu verbessern. »Aus der Hirnforschung wissen wir, dass eine vielfältige Anregungsdichte Kinder gerade zwischen drei und fünf Jahren weiterbringt«, sagt Deutschlandchef Jürgen Kluge. »Dazu müssen wir die Menschen, die das den Kindern beibringen sollen, aber auch befähigen.«

McKinsey prämierte die besten Kindergärten


Doch Kritik üben und Forderungen stellen ist einfach. Nun endlich scheinen dieser Erkenntnis Taten zu folgen. McKinsey hat kürzlich die nach Meinung der Unternehmensberatung besten 20 deutschen Kindergärten prämiert. Und die Telekom-Stiftung will den Erziehern helfen, die teilweise anspruchsvollen neuen Länderbildungspläne für Vorschulkinder auch tatsächlich umzusetzen. Dafür sucht sie deutsche Kindergärten im Moment systematisch nach Musterbeispielen ab: Wo wird Mathe oder Medienkompetenz heute besonders gut vermittelt, und wie geschieht das? Das lässt die Stiftung wissenschaftlich auswerten. Am Ende soll ein Lehrbuch zum Nachschlagen herauskommen.

Rund eine Million Euro investiert die Telekom dafür. Mehr Geld soll es aber nicht geben. Die Umsetzung sollten die Kitas schon selbst finanzieren ? oder den nötigen Druck auf die Politik machen, sagt Projektleiter Thomas Schmitt. Darauf hofft wohl auch die Robert-Bosch-Stiftung, die geballte wissenschaftliche Kraft daran setzt, die Erzieherausbildung konzeptionell zu verbessern, die Praxis aber will sie finanziell nicht fördern. Mehr Bildung für die Kleinsten muss nicht teuer sein, meint offenbar auch der Arbeitgeberverband Gesamtmetall, der junge Physiklehrer mit Schülern der 11. Klasse in Kindergärten schickt und dafür bisher überschaubare 25000 Euro ausgegeben hat. Dabei könnten die vielerorts chronisch unterfinanzierten Kitas Finanzspritzen gut gebrauchen. Deutschland investiert zurzeit lediglich 0,4 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes in die vorschulische Bildung. Mindestens ein Prozent wäre nötig, mahnt die OECD. Und trotz aller positiven Ansätze: Die Wirtschaft könnte weit mehr dazu beitragen als bisher. Bei den meisten Kindergärten und Eltern würden die Unternehmer offene Türen einrennen. »Wenn nicht gerade Capri-Sonne oder McDonald?s die Sponsoren sind und die Sache in Werbung ausartet, ist man doch froh über alles, was den Kindern zugute kommt«, sagt der Hamburger Thomas Müller, Vater von zwei Kindern. So wie er denken viele.

Doch es gibt auch Vorbehalte. Manch einer mutmaßt, dass hinter dem Stiftergeist letztlich das Streben steckt, frühkindliche Bildung zu ökonomisieren und schon Dreijährige auf die Anforderungen des Berufslebens zu trimmen. Ein Verdacht, den Ekkehard Winter, Geschäftsführer der Telekom-Stiftung, zurückweist. Es gehe nicht um eine einseitig wirtschaftsnahe Heranbildung der Fachkräfte von morgen, sagt er, sondern um eine insgesamt breitere und höhere Bildung für die Kleinsten. »Wir wissen, dass in der Beschäftigung mit Naturwissenschaft auch Sprache mitgefördert wird«, sagt Winter. »Kinder beschreiben das, was sie sehen. Oder wenn sie sich mit Zahlen beschäftigen, dann kann das sehr gut mit musischer Ausbildung verbunden werden.«

Bleibt die Frage: Was ist eigentlich so verwerflich daran, schon im frühen Kindesalter die geistigen Grundlagen für die spätere Arbeitsfähigkeit zu legen? Wer erst bei der Berufsbildung ansetzt, ist jedenfalls zu spät dran, das dämmert offenbar nun auch der Wirtschaft.

(c) DIE ZEIT 05.01.2006 Nr.2
http://www.zeit.de/2006/02/C-Kindergarten?page=all


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