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Kameramann

Analog ist schneller als digital

Wie das TV-Signal in die Wohnzimmer kommt - auf mindestens zwei Wegen

Zur EM wird ein enormer Aufwand betrieben, um spannende Bilder auf den heimischen Fernseher zu bringen. Mindestens 30 Kameras schicken ihre Bilder von jedem Spiel in die Wohnzimmer und auf die Public-Viewing-Plätze in alle Welt. Erstmals wird das TV-Signal dabei von der UEFA selbst erzeugt.
ZDF-Studio
Die ZDF arena zur Fußball-WM 2006 in Berlin.
WM 2006. Gruppenphase. Deutschland gegen Polen. 90 Minuten sind gespielt. David Odonkor bekommt auf der rechten Außenbahn den Ball. Da hallt plötzlich lauter Jubel aus Nachbars Garten herüber. Hört sich an, als hätte Deutschland gerade das 1:0 geschossen. Und tatsächlich, wenig später trifft Oliver Neuville nach Odonkors Hereingabe auch auf dem eigenen Fernseher. So ging es vielen Fernsehzuschauern bei der Weltmeisterschaft 2006. Und das nicht nur bei den Spielen der deutschen Mannschaft.

Dort merkte man die Verzögerung allerdings besonders, weil die Tore entsprechend lautstark gefeiert wurden. „Hintergrund ist der Unterschied zwischen analoger und digitaler Technik“, sagt Meike Painter. Sie sitzt in der Programmverteilung des ZDF und ist damit zuständig für die Verteilung des TV-Signals auf die unterschiedlichen Austragungswege. Wer jetzt aber glaubt, digital ist besser, der täuscht sich gewaltig. Bei der Übertragungsgeschwindigkeit sind die Nutzer analoger Systeme klar im Vorteil. „Im digitalen Bereich werden mehrere Programme in einer Frequenz verpackt“, sagt Painter. Um sie zuhause auf dem Fernseher sehen zu können, müssen sie dann wieder von entsprechenden Geräten entpackt werden. Im Grunde genommen kann man sich das ähnlich wie Zip-Dateien am eigenen Rechner vorstellen. Auch diese müssen komprimiert und später wieder ausgepackt werden, will man sie nutzen. Diese Schritte kosten Zeit, die bei der Übermittlung des analogen Signals nicht anfällt.
Noch stärker falle der Unterschied zwischen analoger und digitaler Technik aber beim Radio ins Gewicht, sagt Painter. Entsprechende Vergleiche dort hätten gezeigt, dass die herkömmliche analoge Technik über UKW in manchen Fällen bis zu zehn Sekunden schneller sei.

Ob mit oder ohne Verzögerung. Die UEFA Euro 2008 sollen die Fans so authentisch wie nie erleben. Weit weg und trotzdem nah dran – so sollen sich die Zuschauer vor den heimischen Fernsehern fühlen, wenn die Bilder der EM aus der Schweiz und Österreich in ihre Wohnzimmer flattern. Hierzu wird ein nie da gewesener Aufwand bei der Produktion der Fernsehbilder betrieben.
Mobiles Studio
Ein mobiles Übertragungsstudio: Bildregie und Schnittstelle.
Erstmals in der Geschichte der Europameisterschaften wird die UEFA das TV-Signal selbst zur Verfügung stellen. Mindestens 30 Kameras werden laut UEFA jedes Spiel genau beobachten. Darunter sind eine Helikopter- und eine Hochgeschwindigkeitskamera, die mehr als 500 Bilder pro Sekunde aufnimmt. Außerdem gibt es zahlreiche Aufnahmegeräte für Superzeitlupen. Allein für statistisches Material rund um die Spieler (etwa Laufwege und gelungene Zuspiele) werden 16 Kameras im Stadion verteilt.

Die technische Aufbereitung der Spiele hat damit seit der ersten Europameisterschaft im Jahr 1960 eine unglaublich rasante Entwicklung genommen. Damals schickten gerade einmal drei Kameras die Bilder vom 2:1-Sieg der Sowjetunion über Jugoslawien in die Wohnstuben. Beim Finale im Ernst-Happel-Stadion werden es mindestens neunmal so viele sein. Sie zeigen die Aktionen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten aus vielen verschiedenen Blickwinkeln. Hinzu kommen mindestens zwölf Mikrofone, die die Ballgeräusche aufnehmen und das Gefühl vermitteln sollen, ganz nah am Geschehen zu sein.
Bild Licht- und Tontechnik
Licht- und Tonmischpult
Schon die vergangene EM in Portugal hat alle Rekorde gebrochen. Insgesamt 7,9 Milliarden Fernsehzuschauer konnten Bilder des Endturniers 2004 sehen. Allein beim Endspiel hockten weltweit 279 Millionen Fans vor dem Bildschirm. Ähnliche Zahlen erhofft sich die UEFA auch von diesem Turnier. Insgesamt wird das produzierte Bildmaterial weit mehr als 20 000 Stunden umfassen.

Herzstück der Produktion ist das International Broadcast Centre (IBC) in Wien. Auf mehr als 10 000 Quadratmeter Fläche stehen den TV-Stationen aus aller Welt Produktions- und Büro-Räume zur Verfügung. Auch ARD und ZDF haben sich dort eingemietet. Den Schalt- und einige andere Technikräume nutze man gemeinsam, sagt Thomas Hagedorn aus der Pressestelle des ZDF.
Übertragungswagen
Übertragungswagen des ZDF.
Der Sender hat bei der EURO 2008 zwei Übertragungswagen im Einsatz. Sie stehen an der ZDFarena in Bregenz und vor dem deutschen Quartier in Ascona. Zudem teilen sich ARD und ZDF weitere Übertragungseinheiten. Sie alle leiten das Signal dann über Glasfasernetze oder per Satellit weiter an das Sendezentrum in Mainz. Über die Sendeabwicklung geht es dann auf verschiedenen Wegen raus an die Zuschauer. „Wir unterscheiden zuerst zwischen analogen und digitalen Wegen“, sagt Painter. Auf analogem Weg stehen Antenne, Kabel und Satellit für die Verbreitung zur Verfügung. Beim digital aufbereiteten Signal sind es Satellit, Kabel oder die unterschiedlichen DVB-Systeme. Daneben werden die Bilder auch für Handy-TV und das Internet vorbereitet. Denn ARD und ZDF werden erstmals alle Spiele auch im Internet live übertragen.

Den Job in der Programmverteilung der Sendeanstalten machen in der Regel Systemingenieure. Sie haben ganz unterschiedliche Ausbildungsschwerpunkte. Painter hat Medienwissenschaften und Medientechnik studiert. Zu ihren Kollegen gehören aber auch Elektro- oder Nachrichtentechniker, Physiker oder andere Naturwissenschaftler, sagt sie. Vor allem sind sie in diesen Tagen aber eines: Fans der deutschen Fußballnationalmannschaft. Vielleicht verbreiten sie am 29. Juni ja ein Signal, das die Löw-Elf im Finale der Europameisterschaft zeigt. Ob mit oder ohne Verzögerung wird den deutschen Anhängern dann sicher egal sein. Wer es spannend haben will, kann ja die Fenster und Türen geschlossen halten.

01.02.2012 | 18:36:48

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