INGenius: Dipl.-Ing. Thomas Reiter
Astronaut und Vorstand DLR
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Bis dahin war es ein langer Weg. Die Initialzündung datiert Reiter in das Jahr 1969 zurück: „Neil Armstrong und Edwin Aldrin betraten als erste Menschen den Mond. Ich durfte als Kind die Fernsehübertragung bis in den frühen Morgen verfolgen. Natürlich wollte ich danach – wie viele andere Jungs – Astronaut werden.“ Der kleine Thomas Reiter schrieb damals sogar einen Brief an Neil Armstrong, der aber erst viele Jahre später beantwortet werden sollte.
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Schon mit 14 Jahren hob er das erste Mal ab und begann mit dem Segelfliegen. Als junger Erwachsener schließlich sah Reiter seinen Berufswunsch realistischer. Ihm war klar, dass er Pilot werden wollte, aber die Chance, in Europa als Astronaut eingesetzt zu werden, lag zu jener Zeit nahezu bei Null. „Die Entscheidung, Luft- und Raumfahrtingenieur zu werden, war die logische Folge des Erlebten und Erlernten“, so Reiter.
Er verpflichtete sich nach dem Abitur bei der Luftwaffe und studierte an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg bei München Luft- und Raumfahrttechnik. Reiter erinnert sich: „Das Studium war darauf ausgerichtet, die erlernte Theorie schnell in der Praxis anwenden zu können. Natürlich weiß man während des Studiums nicht, was man später brauchen könnte, und deshalb – das weiß jeder ehemalige Student – ist die Entscheidung des ’Weglassens’ eine sehr gewagte.“
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Nach dem erfolgreichen Universitätsabschluss folgte eine Ausbildung zum Jetpiloten und der Einsatz in einem Jagdbombergeschwader in Oldenburg, wo Reiter Flugzeuge des Typs Alpha Jet flog und in verschiedenen Stabsfunktionen tätig war.
Dann doch der ersehnte Griff nach den Sternen: Im Jahr 1989 suchte die Europäische Weltraumorganisation ESA Bewerber für ihre zweite Astronautengruppe. Zusammen mit 22.000 anderen Kandidaten aus Europa bewarb sich Reiter – und wurde schließlich im Mai 1992 nach einem langen Auswahlverfahren als einer von sechs neuen Astronauten ausgewählt.
Parallel dazu setzte der Pilot seine fliegerische Karriere fort und absolvierte die Ausbildung zum Testpiloten 1. Klasse. Reiters Flugerfahrung summiert sich auf mehr als 2000 Stunden auf über 15 verschiedenen Typen von Kampfflugzeugen.
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Das Lernen sollte für Thomas Reiter kein Ende haben. 1993 begann die Ausbildung am Europäischen Astronautenzentrum (EAC) in Köln, bevor er 1995 für die Mission Euromir 95 nominiert wurde – natürlich als Bordingenieur. Doch wer diese Funktion mit dem Spruch „Beam me up, Scotty“ aus der Serie Star Trek in Verbindung bringt, liegt ziemlich falsch. Reiter führte über 40 Experimente aus verschiedenen ESA-Mitgliedsstaaten an Bord der Raumstation Mir durch. Zudem sammelte er bei der mit 179 Tagen bis dahin längsten bemannten Weltraummission der ESA wertvolle Erfahrungen für das kommende Programm der Internationalen Raumstation ISS.
Zu den Höhepunkten der Mission gehörten zwei Außenbordeinsätze Reiters. Darunter der erste Weltraumausstieg eines deutschen Raumfahrers, bei dem er für fünf Stunden die Station verließ und ein Experiment an der Außenseite der Mir montierte.
Und Reiter bekam im All endlich die Antwort auf seinen Brief an Neil Armstrong. Dieser hatte von Reiters Vater noch einmal eine Kopie des Kinderbriefes erhalten und seinem Astronautenkollegen geantwortet.
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Als Ingenieur auf der ISS
Zurück auf der Erde folgten weitere Ausbildungsschritte als Astronaut sowie der bislang letzte Einsatz bei der Luftwaffe als Kommandeur eines Jagdbombergeschwaders. Ab 2001 trainierte Thomas Reiter für die erste europäische Langzeitmission zur ISS und arbeitete im Projektteam für die Vorbereitung des europäischen Forschungsmoduls Columbus.
Im Juli 2006 – elf Jahre nach dem Flug zur Mir – startete der Ingenieur und Astronaut mit dem amerikanischen Spaceshuttle erneut ins All, um auf der ISS knapp sechs Monate als Flugingenieur zu arbeiten. Auf dem Programm standen ein sechsstündiger Außenbordeinsatz sowie rund 30 Experimente aus Medizin, Biologie, Physik und Astrophysik.
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Was ist für Thomas Reiter die Herausforderung des Ingenieurberufs? „Natürlich kommt es darauf an, wo man tätig ist. Aber prinzipiell geht es um die Umsetzung der Theorie in die Praxis sowie das Erkennen von technischen Problemen und deren Lösung.“ Für Reiter steht der Ingenieur damit an einer entscheidenden Schnittstelle: „Er bringt technische Aufgabenstellungen zur Anwendungsreife, gewährleistet den Betrieb und entwickelt Einzellösungen, aber auch ganze Systeme.“
Thomas Reiter, der zwischenzeitlich zum Brigadegeneral ernannt wurde und das Bundesverdienstkreuz erhielt, arbeitet heute als Vorstand im DLR. Er erläutert seine Aufgaben: „Ich führe und koordiniere die Raumfahrtforschung und -entwicklung im DLR nicht nur konzeptionell, sondern auch inhaltlich und finanziell. Ich bin sozusagen ein Wissenschaftsmanager.“ Seine Arbeit hat Einfluss auf die Entwicklung der Raumfahrt in Deutschland und Europa. „Es gilt, den Beitrag des DLR und den nationalen Beitrag Deutschlands zur internationalen Raumfahrt so zu gestalten, dass er sich in die internationale Arbeitsteilung einpasst.“
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Gute Chancen in der Luft- und Raumfahrt
Die Zukunftsaussichten für Ingenieure schätzt der DLR-Vorstand als hervorragend ein: „Der Bedarf in der Industrie ist hoch. Gerade im Bereich der Luft- und Raumfahrt können wir seit Jahren einen Mangel verzeichnen.“ Beim DLR gebe es Arbeitsfelder für Ingenieure der verschiedensten Fachrichtungen, nicht nur der Luft- und Raumfahrttechnik. „Ein Maschinenbaustudium ist eine sehr gute Grundlage für den Einstieg und lässt Raum für viele Entwicklungsrichtungen.“
Verspürt der Astronaut nach den beiden Langzeitmissionen manchmal noch Fernweh? „Der Mond ist sicher ein lohnenswertes Ziel. Doch meinen Beitrag leiste ich nun am Boden, zur Realisierung dieser und anderer Visionen der Raumfahrt“, so Thomas Reiter, der in seiner Freizeit gerne Gitarre spielt. Besonders hofft er, dazu beitragen zu können, dass in 12 bis 15 Jahren auch einmal ein deutscher Astronaut auf dem Mond stehen wird. „Und ich würde gerne all die Plätze besuchen, die ich aus der Erdumlaufbahn sehen konnte“, ergänzt Reiter – doch dazu fehle ihm die Zeit.

