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Watercube

Teflon-Folie ziert Aquatic Center

In kräftiges Blau gefärbt: Deutsche Produkte lassen Schwimmarena glänzen

Die olympische Schwimmhalle sieht aus wie ein Aquarium, an dessen Scheiben sich Luftblasen über Luftblasen wild den Weg nach oben bahnen. So als würde jemand mit einem Strohhalm in das Wasser pusten. Und wenn es dunkel wird in Peking, beginnt die Membranhaut des Bauwerks zu strahlen und taucht es zumeist in ein kräftiges Blau.

Der Chef der China Construction Shareholding Co., Yi Jun, steht an einem Montagmorgen in der Schwimmhalle und bildet mit seinen roten Wangen sozusagen den farblichen Gegenpol zur Hülle der Arena. Mit einem Rundblick über die lichtdurchlässige Dachkonstruktion holt er sich die letzte Überzeugung für den großen Satz. „Ja, das Aquatic Center ist in dieser Bauweise weltweit führend“, sagt er dann.
Yi Jun und sein Unternehmen haben mehr als vier Jahre Bauzeit und fast 100 Millionen Euro benötigt, bis aus der Idee eines australischen Architektenbüros die olympische Schwimmhalle entstanden ist. Gemeinsam mit dem unmittelbar benachbarten Olympiastadion bildet der sogenannte Watercube - Wasserwürfel – das Herz und die Seele der olympischen Wettkampfstätten. 17.000 Menschen bietet die Arena Platz. 11.000 Sitze werden nach den Spielen demontiert, so dass 6000 dauerhafte Plätze übrig bleiben.

„Das Stadion ist einfach riesig. Das sind wir von zuhause ja gar nicht gewöhnt“, sagte der deutsche Wasserspringer Tobias Schellenberg nach seinem Testwettkampf an Ort und Stelle im Februar. Finanziert wurde die Halle gänzlich aus Spenden im Ausland lebender Chinesen. Ein Gönner aus Hongkong steuerte allein 25 Millionen US-Dollar bei. 42 Mal Gold wird im August im Aquatic Center vergeben, im Synchronschwimmen, im Wasserspringen, im Wasserball, aber vor allem auch in der olympischen Kernsportart Schwimmen. Königinnen oder Könige der Spiele können hier geboren werden, Weltrekorde purzeln.
100.000 Quadratmeter Teflon-Folie speichert Sonnenenergie

Maßgeblichen Anteil am außergewöhnlichen Design hat ein deutsches Unternehmen. Die Bremer Vector Foiltec-Gruppe hat das Bauwerk sozusagen eingekleidet – in 100.000 Quadratmeter ETFE (Ethylen-Tetrafluorethylen), eine elastische Teflon-Folie, womit der Wasserwürfel die zurzeit größte Konstruktion seiner Art weltweit darstellt. Mit ETFE können 90 Prozent Sonnenenergie gespeichert und unter anderem zum Heizen der Becken verwendet werden. Das reduziert den Energieverbrauch beim Beheizen der Becken um bis zu 30 Prozent.

Die Folie zeichnet sich gleich durch mehrere Eigenschaften aus. Reinhard Schmidt ist Technischer Geschäftsführer der Vector Foiltec. Er sagt: „Die Folie ist reißfest, Schmutz abweisend, lichtdurchlässig, isolierend und äußerst flexibel.“ Foiltec wirbt mit einer Lebensdauer von 30 Jahren und wegen der extrem hohen Oberflächenspannung mit einem geringen Reinigungsbedarf, weil Schmutzpartikel abperlen und vom Regen beseitigt werden.

Die Hülle soll ein- bis zweimal pro Jahr von innen per Hand gereinigt werden. Dazu werden Reinigungskräfte in einer mühsamen Prozedur an Kabeln an der Hallendecke entlang gezogen. Exkremente von Vögeln auf der äußeren Hülle fürchten die Bauherren indes nicht, weil sich Vögel nicht auf transparenten Oberflächen niederlassen.
Die Lichtdurchlässigkeit ist es, die der Haut des Wasserwürfels ihren besonderen Charakter gibt. Mit ein bisschen Fantasie kann man tatsächlich den Eindruck gewinnen, man befände sich unter freiem Himmel. Das Risiko, beim Bau der Schwimmarena auf ein Dach zu verzichten, wollten die Chinesen nicht eingehen. In Athen vor vier Jahren hatten die Organisatoren mit diesem Konzept Kritik einstecken müssen, weil äußere Bedingungen die Wettkämpfe beeinflussten. In Peking kann man zudem von einer relativ hohen Regenwahrscheinlichkeit ausgehen, was die Entscheidung zugunsten der Überdachung ebenfalls begünstigte.

Bunt wie ein Chamäleon

Insgesamt benötigte die Vector Foiltec für die Haut 3500 recycelbare Kissenelemente aus Kunststoff, die alle mit trockener Luft gefüllt sind. Mit einem Hochleistungs-LED (Licht emittierende Dioden)-System kann der Wasserwürfel in allen Farben des Spektrums leuchten und nach Bedarf der Betreiber seine Erscheinung verändern so wie ein Chamäleon. 16,7 Millionen Farbtöne deckt das LED ab. Meistens jedoch strahlt der Wasserwürfel in seinem charakteristischen Blau. „Wir sind in einer Schwimmhalle. Da halten wir uns dann auch überwiegend an die Farben, die für Wasser stehen“, sagte Chefkonstrukteur Zheng Fang.
Kacheln aus Gießen

Im Innern der Schwimmhalle hat ebenfalls ein deutsches Unternehmen Hand angelegt. Traditionell, ist man geneigt zu sagen. Denn bereits zum achten Mal hat die Gießener Gail Architektur-Keramik GmbH die olympischen Schwimmbecken mit Fliesen ausgekleidet. Das tut sie seit 1956 in Melbourne. Zuletzt hatten auch die Veranstalter in Athen auf die Erfahrung von Gail gesetzt. Insgesamt wurden in der Pekinger Schwimmhalle 6000 Quadratmeter Spaltplatten und Formteile verlegt.

Erlebnisbad nach den Spielen

Nach den Olympischen Spielen wird der Wasserwürfel nicht nur zu einem Erlebnisbad für alle Pekinger Bürger umfunktioniert. Auf den rund 70.000 Quadratmetern Nutzfläche befinden sich auch eine Eisfläche zum Schlittschuhlaufen sowie ein Kino. Mit der multifunktionalen Ausrichtung sollen die Bürger in den Wasserwürfel gelockt werden und damit die häufig problematische nacholympische Nutzung von Olympiabauten garantieren.

08.02.2012 | 10:43:13

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