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Ein lebender Organismus

Deutscher Architekt baut neue Zentrale für das staatliche chinesische Fernsehen CCTV in Peking - Ole Scheeren im Interview

Das staatliche chinesische Fernsehen CCTV bekommt eine neue Zentrale. In Peking entsteht eines der kompliziertesten Bauwerke der Welt. Aber es kann entgegen der ursprünglichen Planung erst nach den Olympischen Spielen - frühestens im Jahr 2009 - bezogen werden. Ein speziell einberufenes Gremium der 13 erfahrensten Statiker Chinas prüften ein Jahr lang die Baupläne des Gebäudes, ehe sie das Okay gaben. Seine Nutzfläche beträgt 475.000 Quadratmeter. Nur das Pentagon ist größer. Bis zu 5000 Arbeiter waren gleichzeitig auf der Baustelle beschäftigt. Die Kosten des Baus werden auf mehr als eine Dreiviertelmilliarde Euro beziffert. Maßgeblichen Anteil an diesem Bau hat der deutsche Architekt Ole Scheeren (37), der Entwurf und Ausführung des Projektes in Peking leitet. Er ist Partner des Rotterdamer Architekturbüros OMA um Stararchitekt Rem Koolhaas, das den international ausgeschriebenen Wettbewerb gewann. Wir führten ein Interview mit ihm.
Ole Scheeren
Ole Scheeren.
Frage: Was ist das Komplizierte an diesem Gebäude?
Scheeren:
Fünf Jahre bevor wir mit dem Projekt begannen, waren die Methoden der Computeranalyse noch nicht weit genug, um ein solches statisches System mit Sicherheit entwerfen zu können. Peking ist Erdbebenzone wie Los Angeles und damit ein sehr anspruchsvolles Terrain, um hier zu bauen. Das Gebäude mit seiner außergewöhnlichen Form und seiner Auskragung von 75 Metern in Form eines elfstöckigen Gebäudes in 160 Meter Höhe stellt natürlich hohe Anforderungen auf technischer Ebene. Und das sind Dinge, die erst in den letzten Jahren möglich wurden.

Frage: Welche Philosophie haben Sie verfolgt?
Scheeren:
Es ging uns bei diesem Projekt darum, die Typologie des Hochhauses ein Stück weit in Frage zu stellen. Wir wollten herausfinden, was könnte das Hochhaus als eine Organisationsstruktur dem Zusammenleben und dem Arbeiten der Menschen wirklich noch hinzufügen. Der Entwurf zielte darauf ab, sich nicht an dem Wettlauf um Höhe zu beteiligen,den man sowieso nur verlieren kann. Wenn man höher ist, wird bald jemand anders noch höher sein.
Kran
Frage: Wie haben Sie das umgesetzt?
Scheeren:
Wir haben vorgeschlagen, das Gebäude als einen Kreislauf zu erdenken, als eine Schleife, die im Raum gefaltet ist und die eine Reihe von Funktionsbereichen auf eine nicht hierarchische Art und Weise zusammenschließt. CCTV ist eine Fernsehstation, eine der größten Mediaorganisationen der Welt, mit 16 selbst produzierten Kanälen. Alle Bereiche des Fernsehmachens werden in diesem Gebäude untergebracht. Büro und Administrationsbereiche werden zusammengeschlossen mit den Nachrichtenstudios, den Produktionsbereichen der Sendezentrale und einer Vielzahl von Sozial- und Austauschräumen, die dem Gebäude fast schon den Charakter eines lebenden Organismus geben. Alle Bereiche einer virtuellen Produktion werden in einer physischen Struktur zusammengefasst.

Frage: Nicht hierarchisch? Beim chinesischen Staatsfernsehen?
Scheeren:
Ich glaube, es ist eine der wichtigsten Errungenschaften dieses Projekts, eben genau diese Hierarchien ein Stück weit zu verändern und nicht nur symbolisch einen Kreislauf herzustellen, sondern tatsächlich auch funktional die Zusammenhänge zu verändern. Zum Beispiel sitzen die CCTV-Direktoren nicht in den höchsten Etagen des Gebäudes. Dort befindet sich ein Staff-Forum, das für alle Mitarbeiter frei zugänglich ist. Darüber hinaus ist das Gebäude der Öffentlichkeit zugänglich. Es gibt einen Rundgang, den wir Visitor’s Loop genannt haben, der der Form des Gebäudes folgt und Einblicke in die Prozesse des Fernsehmachens bietet. Das Gebäude wird eine öffentliche Funktion annehmen, und auch der Bauherr hat sich konkret damit identifiziert, eine Geste zu vollziehen, die eine neue Form der Offenheit darstellt.
Frage: Haben Sie bei den Bauherren, also dem chinesischen Staatsfernsehen, offene Türen eingerannt?
Scheeren:
Architektur ist eine Frage von Timing. Es gibt bestimmte Dinge, die zu einem bestimmten Zeitpunkt möglich sind, danach schließen sich diese Türen wieder. Die Welt entwickelt sich anders und plötzlich bestehen die Möglichkeiten nicht mehr. Dieses Gebäude hätte fünf Jahre vorher oder fünf Jahre später nicht stattfinden können. Es war ein einzigartiger Moment in der Geschichte Chinas mit der ökonomischen Entwicklung, die sich vollzog, und dem Beitritt in die WTO (Anmerkung: Welthandelsorganisation). Ganz wichtig war auch die Vergabe der Olympischen Spiele an Peking. Es war ein Moment, der so viel Vision und Enthusiasmus erzeugte, dass solche Projekte überhaupt möglich wurden.
Frage: Was ist der Unterschied der Arbeit in China im Vergleich zu Europa?
Scheeren:
Die Dynamik ist etwas ganz Besonderes. Die Geschwindigkeit und auch der Mut, mit dem Dinge hier passieren, stehen sicherlich in einem ganz anderen Kontext als in Europa oder im Westen. Es gibt weit aus größere Möglichkeiten. Es bedeutet aber auch, dass diese rapide Entwicklung nicht nur kohärent vonstatten gehen kann, sondern dass es eine Umgebung ist, die eine sehr große Aufmerksamkeit erfordert und ein konstantes strategisches Manövrieren. Man könnte auch sagen, dass Wissen und Erfahrung hier nicht die gleiche Rolle spielen wie im Westen. Die Situation ist instabiler, dynamischer, und alles, was man weiß, ist möglicherweise nach kurzer Zeit nicht mehr auf gleiche Art und Weise zutreffend, und man muss sich neu orientieren.
Frage: Ein deutscher Partner eines niederländischen Architekturbüros baut in China ein solches Prestigeobjekt. Freuen sich die chinesischen Kollegen mit Ihnen?
Scheeren:
Zum größten Teil schon. Natürlich stellt sich notwendigerweise die Frage, was von außen und was von innen kommen soll. Es ist nicht untypisch, dass ein Land, das sich so schnell entwickelt, erst einmal Hilfe von außen anfragt und benötigt, um die Geschwindigkeit, Komplexität und den Anspruch dieser Entwicklung erfüllen zu können. Nachdem viele Ausländer nach China gekommen sind, um zu bauen, stellt sich logischerweise die Frage, was chinesische Architekten dazu beitragen und da gibt es natürlich ein Spannungsfeld. Ich würde sagen, es gibt bald vielleicht auch einen Wendepunkt, an dem eine neue Generation chinesischer Architekten heranwächst, die mit sehr viel Selbstbewusstsein, einer sehr guten Ausbildung und großen Ambitionen anfangen, ihr eigenes Land auf andere Art wieder zu definieren. Das ist vielleicht eine Zukunftsvision, die sich nicht nur unaufhaltsam im Sinne der Globalisierung vollzieht, sondern sich auch mit der Frage nach einer zeitgenössischen chinesischen Identität anbahnt.
Frage: Sie wollten eigentlich mal Rockstar werden. Jetzt sind Sie ein renommierter Architekt. Gibt es Parallelen?
Scheeren:
Vielleicht gibt es eine ähnliche Form der Intensität in beiden Bereichen. Die Realität der Arbeit und die Realität der Verantwortung ist allerdings eine ganz, ganz andere. Natürlich trägt man als Architekt eine ungeheure Verantwortung, der man sich tagtäglich stellen muss, wenn man physische und inhaltliche Realitäten in eine Stadt oder einen öffentlichen Raum projiziert. Von den großen politischen und kulturellen Fragen bis zu den kleinsten technischen Details. Das ist etwas, was das Leben sehr stark dominiert.

08.02.2012 | 10:43:13

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