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Rudermessboot

Ruderer verkabelt und vermessen

Die von der FES in Berlin konstruierte Messboottechnik sorgt für eine möglichst optimale Kraftübertragung in den Ruderbooten

Kraft ist Masse mal Beschleunigung. Diese auf Isaac Newton zurückgehende Gesetzmäßigkeit findet auch in vielfältiger Weise im Sport ihren Niederschlag und in der Vorbereitung vieler Sportarten auf die Olympischen Spiele in Peking eine maßgebliche Bedeutung. Wie auch für die Ruderer. Sie wenden die so genannte Messboottechnik an, um die Kraftübertragung jedes einzelnen Athleten und der Mannschaft insgesamt möglichst optimal umzusetzen.
Achter in Messboottechnik
Der Ruderachter: für eine Trainingseinheit ausgestattet mit einer Messboot-Einrichtung, samt Laptop als Empfangsstation der Daten.
Es handelt sich dabei um eine aufwändige Installation von Kabeln, Boxen, Sendern und Software, die ein entsprechendes Gewicht mit sich bringt. Deshalb werden solche Messungen an Booten vom Einer bis zum Achter vorwiegend im Training durchgeführt, selten auch in Wettkämpfen. Die Messboottechnik unterstützt die Trainer beim Mannschaftsbildungsprozess: Zum einen können sie die individuelle Entwicklung eines jeden Sportlers anhand der regelmäßig erfassten Daten über einen längeren Zeitraum verfolgen; die gemessenen Daten sind ein maßgeblicher Parameter bei der Besetzung der Boote. Zum anderen kann mittels Messboottechnik auch die Leistungsfähigkeit einer gebildeten Mannschaft optimiert werden.
Rollsitz
Auch der Rollsitz und das Stemmbrett, auf dem die Schuhe fest montiert sind, werden vermessen.
Zwei Kräfte und fünf Bewegungen werden gemessen
An sieben Punkten werden an den Ruderbooten der Nationalmannschaft Messungen durchgeführt. Hierbei werden zwei Kräfte (Zugkraft mit den Armen, Stoßkraft mit den Beinen) und fünf Bewegungen (der Weg des Riemens im Wasser, der Weg des Rollsitzes, die Beschleunigung, die Geschwindigkeit und die seitliche Neigung des Bootes) gemessen. Die gewonnenen Daten werden mit Hilfe einer Software analysiert und anschaulich in Kurvendiagrammen dargestellt. „Damit können wir den Wirkungsgrad eines jeden Ruderschlags auf dem Wasser auswerten und erkennen Ansätze, die insgesamt von der gesamten Mannschaft eingesetzte Energie – das sind bei einem Topruderer 500 Watt Zugleistung - noch besser einzubringen“, sagte Christian Viedt, der Trainer des Deutschland-Achters. Bei dem deutschen Ruder-Flaggschiff hat das Zusammenspiel der einzelnen Ruderer gerade im Hinblick auf das große Highlight, die Olympischen Spiele, eine extrem große Bedeutung. In keiner anderen Sportart ist dies so prägend: Nur das Team zählt, in der Gemeinsamkeit liegt die Stärke einer Achtermannschaft. Funktioniert ein Glied dieser Kette nicht, funktioniert der ganze Achter nicht.
Daten fließen über 35 Kanäle zusammen
Der Trainer selbst baut die aus vielen Einzelteilen bestehende Konstruktion am Ruderleistungszentrum in Dortmund oder wie zurzeit im Olympia-Trainingslager im badischen Breisach zusammen. So müssen unter anderem Dehnungsmessstreifen an Riemen und Stemmbrett befestigt und kalibriert und Seilzugsensoren an den Rollsitzen montiert werden. Insgesamt laufen in einer im Boot platzierten Box 35 Kanäle über Kabelleitungen zusammen; die dort gebündelten Daten werden mittels eines Senders direkt auf eine Software überspielt. So können die Kurvenverläufe der Kraft- und Bewegungsmessungen direkt per Laptop angeschaut werden und die Trainer im Motorboot direkt die technische Umsetzung der Ruderschläge kontrollieren und gegebenenfalls Korrektur-Anweisungen vornehmen.
FES-Forschungsgebiete
Die FES ist auf vielen Forschungsgebieten für den Leistungssport aktiv: Radsport, Bob und Segeln zählen dazu.
Kurvenauswertung.
Kurvenauswertung.
Konstruiert wurde die Messboottechnik von dem in Berlin ansässigen Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES). Die FES wurde Anfang der 60iger Jahre als Entwicklungsabteilung für Sportgeräte in der ehemaligen DDR in Leipzig gegründet, um DDR-Athleten individuell angepasste Sportgeräte für das Training und den Wettkampf zur Verfügung zu stellen, damit sie international erfolgreich sein konnten. Dieses bewährte Konzept kommt seit der Wiedervereinigung allen deutschen Leistungssportlern zugute.
Forschungsstätte mit starken Bezug zum Sport
Leiter und Chefkonstrukteur des Hightech-Labors ist Harald Schaale. Der ehemalige Weltklasse-Segler, der u.a. 1977 Vize-Europameister in der 470er-Klasse wurde, und aus Eichwalde stammende Wissenschaftler ist seit fast drei Jahrzehnte schon beim FES. Nach dem Abitur mit Berufsausbildung, so hieß das damals in der DDR, wurde er zunächst Betonfacharbeiter, studierte dann Informatik und kam 1981 als Nachwuchs-Ingenieur zu der Forschungsstätte. Hier wurde er keine vier Jahre später Projektleiter für den Radsport und nach der Wende zum Forschungsdirektor berufen.

Seit 1994 ist er Leiter eines geschätzten Instituts, in dem zurzeit 53 hochqualifizierte Mitarbeiter tätig sind: Maschinenbau-Ingenieure, Konstrukteure, Physiker, Mathematiker, Luft- und Raumfahrtingenieure, Modellbauer, Mess- und Entwicklungsingenieure. Nicht wenige Angestellte dieses in der Welt einmaligen Forschungs-Labors kommen aus dem Sport; einige sogar aus dem Hochleistungsbereich wie die Olympiasieger Wolfgang Gunkel (Rudern) und Thomas Flach (Segeln) oder der Radfahrer Sören Lausberg (Vizeweltmeister im 1000-m-Zeitfahren). Der für die Bobs zuständige Projektleiter und stellvertretende Instituts-Direktor Michael Nitsch ist beispielsweise Hobby-Marathonläufer und Schaale selbst noch immer aktiver Segler.
Ihre Hauptaufgabe besteht darin, gerätetechnische Entwicklungen und Verbesserungen unter strikter Einhaltung der von den internationalen Verbänden ausgegebenen Regeln vorzunehmen und zwar nicht nur für die Sportart Rudern, sondern auch für Kanu, Radsport, Segeln, Bob, Rodeln, Skeleton, Eisschnelllauf sowie für Teilbereiche im Triathlon, Schwimmen und Skisport.

Die FES-Wissenschaftler ziehen in ihre Überlegungen stets neue Technologien und Werkstoffe heran, klügeln moderne Mess- und Rechenverfahren aus und überprüfen die Umsetzung in die Praxis im engen Austausch mit Athleten und Trainern. Wie eben bei der Messtechnik in Ruderbooten. „Wir sind absoluter Marktführer in Sachen Messtechnik“, meint FES-Chef Schaale, der schon lange bevor die Spiele in Peking eröffnet werden von Berlin aus in eine andere Richtung schaut: Vancouver – dort finden die Olympischen Winterspiele 2010 statt…

08.02.2012 | 10:43:13

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