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Modell des Vogelnestes
Das Olympiastadion - als Modell.

Deutsches Know-how bei Olympia

Deutsche Unternehmen und Ingenieure waren an der Errichtung der Wettkampfstätten beteiligt

Peking fiebert mit gigantischer Erwartungshaltung seinen Olympischen Spielen im August entgegen. Die Stadt will sich als glitzernde, moderne und weltoffene Metropole präsentieren, um das Image des autoritären Staates im Rest der Welt aufzupolieren. Das Jahrhundertprojekt wird seit Jahren akribisch vorbereitet. Rasant hat sich das Gesicht der Stadt seitdem verändert. Und zumindest architektonisch steht Peking westlichen Metropolen in nichts nach. Nicht zuletzt deshalb, weil viele der olympischen Wettkampfstätten Maßstäbe setzen. Allen voran das extravagante und in seiner Art einmalige Olympiastadion im Norden Pekings. An der Neugestaltung der chinesischen Hauptstadt waren an allen Ecken und Enden auch deutsche Unternehmen beteiligt
Begehrtes Fotomotiv bei den Chinesen: das neue Olympiastadion - wie eine Mütze, eine Halfpipe oder ein Vogelnest?
Doch über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Der Taxifahrer jedenfalls rümpft die Nase. Das Herzstück der Spiele gefällt ihm ganz und gar nicht. „Das sieht von weitem aus wie eine Mütze“, sagt er, als sich sein Wagen wegen des hohen Verkehrsaufkommens im Schneckentempo dem Olympiastadion nähert. Eine Mütze? Nun ja. Die beiden Pole der Arena sind jeweils knapp 70 Meter hoch. Von dort senkt sich das Tribünendach jeweils einige Meter bogenförmig bis zum Tiefpunkt in der Mitte, weshalb das Stadion aus einiger Entfernung betrachtet in der Tat ein bisschen so aussieht wie ein französisches Barett. Oder wie eine Anfänger-Halfpipe für Skateboarder.
So sieht das Olympiastadion von innen aus. Noch leer - ohne Sportler und Zuschauer.
So sieht das Olympiastadion von innen aus. Noch leer - ohne Sportler und Zuschauer.
Die Architekten der Schweizer Firma Herzog & de Meuron hatten sich solche Assoziationen aber vermutlich nicht vorgestellt. Sie überzeugten die Auftraggeber mit der Idee eines Stadions in der äußeren Gestalt eines Vogelnestes. Das wirkte bei der Präsentation nicht nur extravagant, sondern traf gleichzeitig einen Nerv der Chinesen. Denn gleichzeitig gelten gekochte Vogelnester im Reich der Mitte als Delikatesse. Sie werden weichgekocht und in Brühe serviert, weisen kaum markante Geschmacksmerkmale auf, aber gelten als ausgesprochen gesund und nahrhaft. Schon eine kleine Portion kostet um die 50 Euro. Diese Idee faszinierte die Chinesen, die daraufhin den Schweizern im Jahr 2002 den Zuschlag erteilten. In Zusammenarbeit mit dem Londoner Ingenieursbüro ARUP und der China Architecture Design and Resarch Group begann die Umsetzung des Projektes. Im Dezember 2003 wurde der Grundstein gelegt, im März 2004 starteten die Bauarbeiten.
Schwer wie 50 Elefanten: die Streben des Olympiastadions.
Schwer wie 50 Elefanten: die einzelnen Streben des Olympiastadions.
Spezialbeschichtung aus Hessen

Die Außenhaut des Stadions verschlang 36 Kilometer Stahl mit einem Gesamtgewicht von 45.000 Tonnen und rechtfertigt den Spitznamen „niao chao“, Vogelnest, mit jedem Gramm. Sie trägt das Gewicht der Dachkomponenten von 11.200 Tonnen. Die tausenden Einzelteile wurde in Stahlwerken im Großraum Shanghai hergestellt und mussten zunächst die rund 1000 Kilometer in Richtung Hauptstadt zurücklegen. Manche der Streben wiegen bis zu 350 Tonnen. Das entspricht etwa dem Gewicht von 50 ausgewachsenen Elefantenbullen. Die Streben sehen aus, als seien sie ineinander verwoben. Ebenso wie die kleinen Zweige und Halme, die ein Vogel zum Nestbau benutzt.

Die Fassadenteile zwischen den Streben schimmern im Dunkeln rötlich. Dabei wurde sowohl eine innovative Spezialbeschichtung aus deutscher Produktion wie auch deutsches Know-how bei der Lackierung verwendet. Die südhessische Caparol GmbH aus Ober-Ramstadt hatte in Zusammenarbeit mit Herzog & de Meuron bereits für die Lackierung der WM-Arena in München verantwortlich gezeichnet. Das Unternehmen ist mit einer Niederlassung in Schanghai vertreten und war in der Lage, den Lack in Peking zu produzieren. Die chinesischen Arbeiter erhielten eine dreiwöchige Schulung, ehe die Beschichtung begann.
Ein chinesischer Arbeiter bei der Pause, im Hintergrund das gigantisches Stadion
Ein chinesischer Arbeiter bei der Pause, im Hintergrund das gigantisches Stadion
Deutsche Techniker rund um Uhr vor Ort

Projektleiter Ronald Bobe sowie ein eigens angereistes vierköpfiges Team von Anwendungstechnikern aus Südhessen begleiteten die Arbeiten rund um die Uhr.

Zunächst wurden die Unebenheiten des Betons und der Zementfaserplatten mit einem Gewebe belegt und verspachtelt. Über eine zweite Spachtelschicht wurde Glasvlies gelegt, dann erneut verspachtelt, geschliffen und mit Wasser abgewaschen, ehe die Farbe zweimal im Spritzverfahren aufgetragen wurde. All das auf 90.000 Quadratmeter. Gefordert war eine Beschichtung, die dem eisigen Winter und dem heißen Sommer sowie der Pekinger Luftverschmutzung standhält. Ein Forschungsprojekt des Ober-Ramstädter Dr. Robert-Murjahn-Instituts (RMI) entwickelte die Spezialfarbe, die eine hohe Lichtbeständigkeit benötigt. Denn nur so ist ein nachhaltiger Rotschimmer unter den äußeren Bedingungen in Peking gewährleistet. Die Farbe soll jetzt unter der Bezeichnung "Amphibolin" international angeboten werden.

Das Stadion ist 330 Meter lang und 220 Meter breit. Es erstreckt sich auf einer Fläche von 256.000 Quadratmeter. Das ist etwa dreimal so groß wie die Bebauungsfläche des Potsdamer Platz in Berlin. Während der Olympischen Spiele wird es eine Kapazität von 91.000 Zuschauern aufweisen, nach Ende der Veranstaltung wird sie auf 80.000 reduziert. Die geografische Lage des Stadions unterstreicht die Bedeutung der Olympischen Spiele für China. Es liegt exakt auf der Nord-Süd-Achse Pekings. Auf dieser Linie sammeln sich alle kulturell und geschichtlich wichtigen Bauwerke der Stadt wie der Himmelstempel, das Mao-Mausoleum oder die Verbotene Stadt. Nun liegt eben auch das Olympiastadion auf dieser markanten Linie.
National Indoor Stadium
Im National Indoor Stadium finden die Olympischen Turn- und Handball-Wettkämpfe statt. Anschließend spielen hier bei den Paralympics die Basketballer.
Das farbliche Gegenstück zum Vogelnest bildet der benachbarte blau strahlende Aquatic Center. Rot und Blau, Feuer und Wasser – die Gegensätze des Yin und Yang. Die 100.000 Quadratmeter Dachfolie des im Volksmund Wasserwürfel genannten Schwimmstadions sind wärme- und lichtdurchlässig und stammen von der Bremer Vektor Foiltec. Und auch das Innenleben trägt einen deutschen Stempel. Die Beckenkeramiken hat die Gail Architektur-Keramik GmbH aus Gießen verlegt.

Wer den Wasserwürfel verlässt, muss nur wenige Meter weiter Richtung Norden marschieren und steht zwei Minuten später vor dem National Indoor Stadium, wo während Olympia geturnt und Handball gespielt wird. Das Design der Arena stammt aus Nürnberg vom Architekturbüro Glöckner, das bereits für die Kölner, Nürnberger und Leipziger Fußball-WM-Arenen verantwortlich zeichnet. Die Arena gilt nach Olympiastadion und Acquatic Center als das dritte Meisterwerk der Wettkampfstätten.
Das National Indoor Stadium
Das National Indoor Stadium
Olympischer Geist und damit deutsches Know-how weht aber nicht nur in Peking. In Shenyang beispielsweise, wo Frauenfußball-Weltmeister Deutschland sein Eröffnungsspiel am 6. August gegen Brasilien bestreiten wird, hat die Leverkusener Lanxess AG die Polycarbonat-Platten der Dachkonstruktion mit ihrem speziellen Synthesekautschuk abgedichtet.

08.02.2012 | 10:43:13

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