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Jan und Hannes Peckolt im 49er

Tüftler unter Segeln

Jan Peckolt studiert Wirtschaftsingenieurswesen. Bei den Olympischen Spielen geht er mit seinem Bruder Hannes in der 49er-Klasse an den Start

Der Wind vor Qingdao bläst meist nicht besonders kräftig. Trotzdem gibt es dort sehr hohe Wellen, die über den Ozean hereinrollen. Dazu noch starke Meeresströmungen. „Das ist ein sehr spezielles Revier, einfach nicht zu vergleichen mit dem, was wir in Europa kennen“, sagt Jan Peckolt. „Dort zählen andere Dinge als in den meisten europäischen Gewässern.“

Um sich an die besonderen Bedingungen zu gewöhnen, war der Olympiastarter in der 49er-Klasse gemeinsam mit seinem Bootspartner und Bruder Hannes bereits drei Wochen dort. Die beiden haben Material ausprobiert, verschiedene Einstellungen am Boot getestet und schon festgestellt, dass weniger Wind nicht automatisch weniger Körpereinsatz bedeutet. „Die ständige Welle macht ein extremes Ausbalancieren des Bootes nötig“, sagt Peckolt. In der spektakulärsten olympischen Bootsklasse ist eine starke Physis ohnehin von großer Bedeutung.
Das 60 Quadratmeter große Segel vorankatapultiert.
Mit bis zu 50 Kilometern pro Stunde jagen die Segler ihre Boote über die Wellen. Vorankatapultiert werden die leichtgewichtigen Schiffe von einem 60 Quadratmeter großen Segel. „Manchmal überschlagen sich die Boote, weil sie so viel schneller sind als die Welle“, sagt Peckolt. Dann werfen sie die Segler nach vorne ab, fast wie ein bockendes Pferd. Kleinste Fehler bestraft der kurze Rumpf gnadenlos. Deshalb ist es auch so wichtig, dass sich die beiden Segler im Boot gut verstehen. Bei den Peckolt-Brüdern klappt das Verständnis blind. Seit 1993 segeln sie gemeinsam. Seit 2000 in der 49er-Klasse. Die Aufgaben sind klar verteilt: Hannes ist der Vorschoter, Jan der Steuermann. „Hannes ist für das Gaspedal zuständig, ich lenke“, sagt Jan Peckolt.

Großes technisches Interesse schon als Sechsjähriger entdeckt

Wenn er über das Segeln redet, spürt man die Faszination, die diese Sportart auf ihn ausübt. Eine Faszination, die ihn schon sehr früh gepackt hat. Bereits mit sechs Jahren hat er sich selbst ein Segelboot gebaut. Aus alten Dachlatten und Holzresten. Das Segel hat er sich aus Plastikfolie zusammengenäht. Schon damals kam seine zweite Leidenschaft durch. Jan Peckolt hat ein großes technisches Interesse. Da war es fast logisch, dass er sich nach dem Abi für ein Ingenieursstudium entschieden hat. Weil seine Heimatstadt Mannheim nicht gerade für die besten Segelreviere Deutschlands berühmt ist, entschied er sich für Hamburg als Studienort. Sein Bruder zog nach Kiel.
Vollgas im leichten Boot.
Vollgas im leichten Boot.
Gerne beschreibt Jan Peckolt das Leistungssegeln als vielseitiges Projekt, bei dem es auf unterschiedliche Faktoren ankommt, wenn man Erfolg haben will. „Die 49er-Klasse ist körperlich sicher eine der anspruchsvollsten Segelklassen. Aber neben der Fitness gibt es viele andere entscheidende Aspekte“, sagt er. Und dabei kommen ihm manchmal auch die Erkenntnisse aus dem Studium des Wirtschaftsingenieurswesens zugute.

"Eine Art Anwendung der Studieninhalte"

Wie in der Formel-1 tüfteln auch die Segler ständig an ihrem Material. Wie können wir noch leichter unterwegs sein? Wo können wir etwas optimieren? Beispielsweise seien die Masten etwas sehr Wichtiges. Dort gebe es unterschiedliche Steifigkeiten. Die Segler führen verschiedene Biegetests durch und gleichen die Ergebnisse dann mit den Eigenschaften auf dem Wasser ab. So finden sie den optimalen Mast für die unterschiedlichen Bedingungen heraus. „Bei solchen Prozessen hilft mir natürlich mein Studium“, sagt Peckolt. Er findet sowieso, dass Segeln und ein Ingenieurstudiengang gut zueinander passen. „Das Segelprojekt ist eine Art Anwendung der Studieninhalte.“
Selbst angefertigtes Trapezsystem bei Olympia im Einsatz

Es gibt verschiedene Überschneidungsbereiche. Das beginnt damit, dass bestimmte Denkmuster, die man im Studium erlernt habe, auf die Optimierungsprozesse anwendbar seien. „Wir haben uns zum Beispiel ein eigenes Trapezsystem angefertigt“, sagt er. Dazu haben sie ein Teil aus CFK (Kohlefaserverstärktem Kunststoff) entwickelt. Das sollte eine hohe Steifigkeit bei möglichst geringem Gewicht bieten. Herausgekommen ist eine individuelle Konstruktion, die bei den Olympischen Spielen einzigartig sein wird.
Jan Peckolt
Jan Peckolt.
Bis vor zwei Jahren haben beide Brüder Studium und Sport parallel durchgezogen. In der Regelstudienzeit und das bei 150 Tagen, die sie fürs Segeln unterwegs waren. Dann reifte die Entscheidung, sich auf den Sport zu konzentrieren. Also haben sie Urlaubssemester eingelegt, um sich bestmöglich auf die Olympischen Spiele vorbereiten zu können. Der Erfolg hat ihnen bisher Recht gegeben – auch wenn die ganz große Medaille etwa bei Weltmeisterschaften noch nicht dabei war.

Peckolt hat aber auch in dieser Zeit den Kontakt zur Hochschule gehalten. Er hat sich Vorlesungen angehört und sich in der knappen Freizeit mit Studieninhalten beschäftigt. Er brauche das geistige Futter genauso wie die körperliche Anstrengung auf dem Wasser, sagt er. Nach den Olympischen Spielen will sich der 27-Jährige zügig an seine noch ausstehenden drei Semester machen. Und möglichst schnell den Abschluss schaffen. Wohin es danach geht, weiß er noch nicht. Alles, was mit regenerativen Energien zu tun hat, findet er spannend. Er könnte sich aber auch vorstellen, im Umfeld des Segelsports seinen Beruf zu finden. Bei der Optimierung der Boote ist Ingenieur-Knowhow immer gefragt.
Gefragte Segler: Jan und Hannes Peckolt im Interview
Gefragte Segler: Jan und Hannes Peckolt im Interview.
Darüber macht er sich aber erst nach den Olympischen Spielen ernstere Gedanken. Jetzt geht er erst einmal das Projekt Qingdao an. Das Boot und die weiteren Materialien sind längst dort. Im Juli trainieren auch Jan und Hannes Peckolt noch einmal vor der chinesischen Küste. Sie wollen im olympischen Wettkampf zeigen, dass ihre Weltranglisten-Position 1 im vergangenen Jahr kein Zufall war. Sie rechnen sich durchaus Chancen aus, bei den Olympischen Spielen vorne dabei zu sein.

Ob es tatsächlich auch eine Medaille wird, das hänge auch ein wenig vom Glück in den einzelnen Wettfahrten ab, sagt Peckolt. Und fügt selbstbewusst an: „Wir fahren aber sicher nicht nach China, um nur teilzunehmen.“ Oder um ein weiteres schönes Segelrevier zu sehen. Davon gab es in der Karriere der Brüder schon einige. Sie waren vor Kalifornien und sind eine Weltmeisterschaft bei Melbourne gesegelt. Und was ist sein Lieblingsrevier zum Segeln? Da muss er nicht lange überlegen. „Ich hoffe, es wird Qingdao“, sagt er. Dort geht es Anfang August um olympisches Edelmetall.

08.02.2012 | 10:43:13

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