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Mit Physik zum WM-Titel
Prof. Dr. Metin Tolan verrät in seinem neuen Buch, wie Deutschland Weltmeister wird
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Physik-Professor Metin Tolan
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War der Ball "ganz" hinter der Linie?
Erst kürzlich hat er wieder einmal seinen Rekorder eingeschaltet. Schalke hatte in Freiburg angeblich ein Tor erzielt. Der Schiedsrichter hatte es aber nicht gegeben. Immer wieder wurde die Szene im Fernsehen gezeigt. Superzeitlupe und computeranimierte Bilder sollten dem Zuschauer die offensichtliche Fehlentscheidung des Schiedsrichters vor Augen führen. Ganz Fußballdeutschland war der Meinung, der Ball sei hinter der Linie gewesen und forderte prompt technische Hilfsmittel zur einwandfreien Erkennung von Toren. Tolan sieht das anders. „Ich kann Ihnen sagen, der Ball war nicht im Tor“, sagt er. Die Regeln besagen, dass ein Ball im Tor ist, wenn er mit seinem ganzen Umfang hinter der Linie ist. Entscheidend ist das Wort „ganz“.
„Selbst wenn der Ball hinter der Linie auftrifft, kann es sein, dass er nicht mit seinem vollen Umfang hinter der Linie ist. Sogar dann, wenn man ein wenig Rasen zwischen Ball und Linie sieht, kann es immer noch sein, dass ein Stück des Balls in der Luft über der Linie ist“, sagt er. In der Sprache der Physik ausgedrückt: Jedes Atom des Balls muss sich hinter jedem Atom der weißen Linie befinden. Tolan nimmt einen Fußball aus dem Regal, legt ein Lineal auf den Tisch und verdeutlicht die Regel. Zwischen Lineal und Ball ist der Tisch zu sehen. Trotzdem ragt der Ball über das Lineal hinaus. „Laut Regel also kein Tor.“
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© Lutz Kampert
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Begeisterter Fußballfan
Tolan ist Professor für Physik. Und er ist begeisterter Fußballfan. Beides hat ihn 2006 berühmt gemacht. Er war der Mann, der die Formel aufstellte, die Deutschland den WM-Titel voraussagte. Wie wir heute wissen, hat die Prognose nicht ganz gestimmt. Ein bedauerlicher Fehler habe sich damals eingeschlichen, sagt Tolan heute. Dabei grinst er über das ganze Gesicht.
Weil weder Mathematik noch Physik Platz für Spekulationen lassen, musste ein Rechenfehler vorliegen. Pünktlich zum neuen WM-Jahr hat Tolan ihn gefunden. „Wenn man sich die Formel ganz genau anguckt, stellt man fest, dass sie den Titel immer vier Jahre zu früh vorausgesagt hat. Diesmal muss es passen“, sagt er. Deshalb heißt auch sein neues Buch, das im Piper Verlag erscheint und seit dem 9. März erhältlich ist: „So werden wir Weltmeister – Die Physik des Fußballspiels“.
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© Piper Verlag
Sein neues Buch „So werden wir Weltmeister – Die Physik des Fußballspiels“ ist ab März 2010 erhältlich
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Kunsteisbahnen werden olympiatauglich
Ein Buch für den physikbegeisterten Fußballfan oder den fußballverrückten Physiker. Ganz ohne Formeln kommt der Leser nicht durch die mehr als 350 Seiten. Ohne Begeisterung für den Fußballsport aber sicher auch nicht. Zusätzliches, sehr interessantes Wissen über Fußball habe er zusammengetragen, sagt Tolan selbst. Unumstößlich wie die Naturgesetze. Unterhaltsam wie der TV-Fußballstammtisch. Und gespickt mit vielen Überraschungen.
„Nachdem man mein Buch gelesen hat, wird man sehen, dass ein Linien- oder Schiedsrichter eine Abseitsentscheidung eigentlich gar nicht genau treffen kann, weil er sie nicht sehen kann“, sagt Tolan. Bis der Linienrichter das Gesehene verarbeitetet hat, vergeht nämlich eine bestimmte Zeit. Und in dieser Zeit können sich die Spieler bis zu einem Meter weiter bewegen. „Und dann hat die FIFA auch noch so etwas Absurdes wie gleiche Höhe eingeführt“, sagt der Professor und schüttelt den Kopf. Unmöglich, so etwas zu erkennen. „Deshalb müsste man in den Diskussionen um Abseitsentscheidungen andersherum argumentieren: Wieso gibt es eigentlich so wenig falsche Abseitsentscheidungen?“
Stundenlang könnte man mit Tolan so über Fußball reden und dabei fast unbemerkt physikalisches und fußballerisches Wissen anhäufen. Man würde erfahren, dass Fußball ein komplizierter und höchst ungerechter Sport ist. Tolan könnte Beispiele dafür bringen, warum Fußballprofis den Ball auf kaum mehr als gute 120 Stundenkilometer beschleunigen können oder warum das Spielgerät gar nicht flattern kann, obwohl dies doch standhaft von Reportern und Torleuten behauptet wird.
Aber wem nützt das Wissen aus dem Buch wirklich? Hat Bundestrainer Jogi Löw etwa schon bei ihm angerufen? Da muss er lachen. „Nein, und ich hätte ihm auch gar nicht viel zu sagen“, sagt Tolan. Also keine Nachhilfe-Stunde in Physik für Deutschlands Elitekicker? Der Dortmunder Professor wehrt ab. „In diesem Fall bringt Training mehr als Physik“, sagt er.

