INGenius: Dipl.-Ing. Barbara Blume
Chefkonstrukteurin V2500 bei Rolls-Royce Deutschland
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Mit ähnlichem Selbstverständnis gestaltete sich der sicher nicht gewöhnliche, aber umso zielstrebigere Karriereweg der Ingenieurin. Mit 16 Jahren machte sie nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker, arbeitete in einem Werkstattbetrieb und brachte es innerhalb weniger Jahre zum Kfz-Meister. „Es erforderte ein dickes Fell, sich in der handwerklichen Welt durchzusetzen“, erinnert sich Barbara Blume. „Doch solange ich durchschnittliche bis überdurchschnittliche Leistungen gebracht habe, erfuhr ich Anerkennung und Gleichstellung.“ Mehr noch, sie sattelte einen drauf und absolvierte per Abendschule neben der Arbeit die Meisterprüfung zum Kfz-Elektriker. „Heute ist jedes Auto voller Elektronik, da reichte mir die Mechanik nicht aus“, so Blumes lapidare Begründung für die Zusatzqualifikation.
Dann das erste Kind, das nicht das letzte bleiben sollte. Für viele Frauen immer noch die Motivation zum Rückzug aus dem Ausbildungs- und Berufsleben. Nicht so für Barbara Blume. „Als Kfz-Meisterin wäre es tatsächlich schwierig geworden, Arbeitszeit und Mutterschaft unter einen Hut zu bringen“, berichtet Blume. „Doch nicht als Studentin, da ist man flexibler.“ Deshalb begann sie das Studium Verkehrswesen an der TU Berlin mit dem Schwerpunkt Fahrzeugtechnik, das auch für Meister oder Techniker mit Berufserfahrung offen steht. „Für mich mit meinem großen Interesse an Maschinen und Technik war das die logische Fortsetzung meines Berufswegs“, so Blume.
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An der Uni musste Barbara Blume – im Gegensatz zu den Studienanfängern mit Abitur – sämtliche Fächer der ersten beiden Semester mit erfolgreicher Prüfung absolvieren. „Damit habe ich die Hochschulreife nachgeholt“, berichtet die Ingenieurin. „Ich konnte mich aber dank meiner Ausbildung und Berufserfahrung gut organisieren. Zudem war alles, was an der Uni mit Kfz-Technik zu tun hatte, ein Heimspiel für mich.“ Während des Studiums kamen zwei weitere Kinder. Trotzdem benötigte Barbara Blume, die auch als Tutor am Institut für Konstruktionstechnik arbeitete, nur zwölf Semester bis zum Abschluss. „Mein Mann hat mich, obwohl er auch voll berufstätig ist, gut unterstützt, und wir hatten ein Au-Pair“, relativiert die pragmatische Ingenieurin, deren Diplomarbeit gewohnt benzingeladen war: Sie konstruierte ein Schiebersystem für die Laststeuerung eines Ottomotors mit Turbolader.
Sind Kinder ein Hinderungsgrund für die Karriere einer Frau? Barbara Blume widerspricht entschieden: „Nach dem Studium habe ich rund 20 Bewerbungen verschickt. Ich bekam 15 Einladungen zum Vorstellungsgespräch. Arbeitgeber wissen: Wer mit drei Kindern ein Studium erfolgreich absolviert hat, kann sich auch im Berufsleben behaupten.“
Das wusste anscheinend auch der in Dahlewitz bei Berlin ansässige Triebwerkhersteller Rolls-Royce Deutschland, bei dem die frisch gebackene Ingenieurin als Konstrukteurin einstieg. „Ich hatte hier das Glück, an vielen interessanten Projekten mitarbeiten zu können“, erzählt Blume. „Zu den Höhepunkten gehörte bislang die Entwicklung einer Hochdruckturbinenschaufel für einen Triebwerkprototypen, bei der wir nicht nur neue Konstruktionsideen verwirklicht haben, sondern auch eine gänzlich neue Herstellungsart.“
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Chefin der Triebwerke
Nach mehreren Karriereschritten leitet Barbara Blume heute als Chefkonstrukteurin ein Team, das für die ständige Weiterentwicklung und den Bau des Triebwerks V2500 zuständig ist. Von der Bauart her ein sogenanntes Turbofan-Triebwerk, wird es von mehreren Herstellern in einem internationalen Konsortium gebaut und ist mit über 4000 Stückzahlen ein echter Verkaufsschlager. Mit seiner Maximalleistung von 33.000 Pfund Schub, was 146,8 Kilonewton entspricht, leistet es so viel wie rund 100 Automotoren und kommt vor allem in den Jets der Airbus A320-Familie zum Einsatz.
„Innerhalb des Konsortiums sind wir hier in Dahlewitz verantwortlich für den Hochdruckverdichter, das Getriebe und die Montage des Triebwerks“, erläutert Blume. „Obwohl es das Triebwerk schon seit ungefähr 20 Jahren gibt, wird es ständig weiterentwickelt und optimiert.“ So sind zum Beispiel Auflagen der Luftfahrtbehörden zu erfüllen, wenn neue Materialien und Technologien zum Einsatz kommen. „Die Aufgabe des Konstrukteurs ist es, unter Beachtung der vorgegebenen Randbedingungen gemeinsam in einem Team aus Spezialisten die Lösung für ein Problem oder eine Neuentwicklung zu erarbeiten und zur Produktionsreife zu bringen“, beschreibt Barbara Blume ihren Job etwas theoretisch. „Ich als Chefkonstrukteurin gebe die Randbedingungen anhand einer Projektspezifikation vor und prüfe die Konstruktionsvorschläge bis hin zur endgültigen Freigabe. Dabei achte ich nicht nur auf die technisch beste Lösung, sondern auch auf die Robustheit gegenüber Fertigungsschwankungen und natürlich die Kosten.“ Das heißt auf Deutsch: nur was Chefkonstrukteurin Blume absegnet, wird später auch so gebaut.
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Derzeit arbeitet das Team an einer leichteren Variante des Triebwerks, die leiser ist, weniger Kerosin verbraucht, damit geringere Emissionen verursacht und deren Wartungskosten geringer sind. Den Reiz ihrer Arbeit sieht die Ingenieurin in den oft schwierigen Aufgabenstellungen. So sollte zum Beispiel der Stellantrieb optimiert werden, der die variablen Leitschaufeln bewegt, die den Lufteinlass in das Triebwerk regeln. Blume: „Man kann manchmal gar nicht so quer denken, wie neue Herausforderungen auftauchen. Die eigentliche Kunst dabei ist es, zunächst die tatsächliche Ursache durch Analysen oder auch durch Tests zu identifizieren, um dann aus diesen Ergebnissen eine Lösung zu erarbeiten.“ Die hieß in diesem Fall: statt aus Stahlrohr wird der Stellantrieb jetzt aus leichtem Titaniumguss hergestellt, wofür auch die Gießprozesse in der Fertigung bei einem Lieferanten optimiert werden mussten. „Jedes neue Projekt birgt die Chance, neue Dinge kennenzulernen“, resümiert Barbara Blume.
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Teamfähigkeit, Fremdsprachen, Flexibilität
Auch in ihrer jetzigen Tätigkeit bei Rolls-Royce konnte Barbara Blume keine negativen Erfahrungen als berufstätige Frau und Mutter in einem typischen Männerberuf machen. „Im Gegenteil, bei guter Leistung fällt man als Frau leichter auf.“ Die Ingenieurin, die in ihrer Freizeit leidenschaftlich Motorrad fährt, ergänzt schmunzelnd: „Wer mit drei widerspenstigen Kindern klar kommt, kann auch ein Team führen und sich in Besprechungen durchsetzen.“ Nur in einem Punkt musste Barbara Blume bislang Abstriche machen: „Ich würde gerne noch mal ein paar Jahre im Ausland arbeiten, am liebsten in Skandinavien. Das geht allerdings erst, wenn auch das letzte Kind die Schule beendet hat.“
Für angehende Ingenieurinnen und Ingenieure hat sie ein paar Tipps parat: „Ingenieure im Bereich Maschinenbau werden immer benötigt, allerdings schwankend je nach Branche. Deshalb legt euch nicht zu sehr auf eine Richtung fest, deckt ein möglichst breites Wissensspektrum ab. So ist man flexibel und kann auch mal in eine Richtung gehen, die man vorher gar nicht einbezogen hat.“ Auch Fremdsprachen legt Ingenieurin Blume ihren künftigen Kollegen ans Herz, ebenso ein fachbezogenes Auslandspraktikum. Schließlich nennt sie ein weiteres wichtiges Kriterium: „Ein Ingenieur in der freien Wirtschaft muss teamfähig sein.“ Als Mutter bringt Barbara Blume diese Voraussetzung ganz automatisch mit.

