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INGenius: Eine Wirtschaftsingenieurin im Auftrag der UN

Ein Herz für Kyoto

Abwasser, Bagasse, CO2-Zertifikate: Wirtschaftsingenieurin Ellen Goel ist 27 und hat bereits Projekte in Indien, China, Abu Dhabi und Nigeria geleitet. Vor einem Jahr begann ihre Laufbahn als "Green-House-Gas-Auditorin".
Ellen Goel demonstriert das Zusammenspiel von Solaranlage, Akkumulatoren und dezentraler Abwasseranlage in Delhi

"Ich war immer ziemlich idealistisch und es ist schon lange mein Traum, mir die Welt anzusehen", sagt Ellen Goel. In roter Fleecejacke, Jeans und mit einem Feierabendbier hat sie es sich auf dem Küchenstuhl bequem gemacht. Ihr Auftreten ist freundlich, unbeschwert, aber bestimmt. Die Diplom-Wirtschaftsingenieurin ist in Deutschland nur auf der Durchreise. Soeben ist sie aus Nigeria zurückgekehrt, wo sie mit einer Gruppe des TÜV Nord zahlreiche Dörfer besuchte, um CO2-Ausstoß und Holzverbrauch in Hütten und Häusern zu überprüfen. "Ich habe schon während der Unizeit überlegt, wie ich im Job etwas Sinnvolles machen kann. Erst wollte ich in der Industrie Abwasseranlagen bauen, dann in Indien an Forschungsprojekten arbeiten und in China die Arbeit einer NGO kennenlernen. Jedenfalls war mir damals schon klar, dass ich nicht Unternehmensberaterin werden will. Mit den Zielen von Consulting-Firmen konnte ich mich nie so recht identifizieren. Bei meiner heutigen Arbeit gibt es auch Licht und Schatten. Sie ist aber unheimlich vielseitig und interessant."

Als Auditorin in Sachen Klimaschutz muss Ellen Goel viel von Umwelttechnik verstehen. Für weltfremde Tüftler ist ihr Job allerdings nicht geeignet. Denn oft spielen auch politische und ökonomische Fragen in ihrer täglichen Arbeit eine Rolle. Zudem unterscheiden sich in Entwicklungs- und Schwellenländern die Mentalitäten und Strukturen deutlich von denen in Europa. Das erfordert eine gewisse Flexibilität. Ellen Goel ist nach wie vor begeistert: "Mit einem gewissen Talent für Mathe oder Physik macht es wirklich Sinn, Ingenieur zu werden, weil man so viele Möglichkeiten hat. Im Ausland ist man mit deutschem Ingenieurabschluss hoch angesehen. Da wird man wirklich sehr hofiert. Ich hätte das nicht gedacht, dass das so eine Marke ist. Ob Diplom oder Master, ist dabei völlig egal."

Die Aufgaben eines Green-House-Gas-Auditors

Seit einem Jahr arbeitet Ellen Goel als "Green-House-Gas-Auditorin". Ihr Arbeitgeber ist der TÜV Nord. Der wiederum ist im Auftrag der UN aktiv, die zur Umsetzung der Klimaziele aus dem Kyoto-Protokoll verschiedene Firmen akkreditiert hat. Diese Firmen bewerten vor Ort, ob bestimmte Projekte klimazertifiziert und somit finanziell begünstigt werden sollen oder nicht. Das Regelwerk zur Steuerung des weltweiten Prozesses heißt CDM (Clean-Development-Mechanism).
Ellen Goel mit Kollegen und Vertretern der Masdar Carbon und Environmena in Masdar City, Abu Dhabi
Einsatz in Abu Dhabi

Ein Einsatzort Ellen Goels ist Masdar City, CO2-neutrale Stadt und Umweltvorzeigeprojekt in Abu Dhabi. Es handelt sich um ein Solar-Projekt, das über Solar-Panels mit einer Leistung von zehn Megawatt verfügt. Wirtschaftlich erscheinen Investitionen in Solarstrom hier wenig verlockend. Der Einspeisetarif ist viel zu gering. Strom mit Öl zu produzieren, ist viel günstiger. Anders sieht es aus, wenn dieser Kunde an einem CDM-Projekt teilnimmt. Um sein Projekt auf diesem Weg finanziell lukrativ zu machen, braucht er CO2-Zertifikate. An dieser Stelle tritt Ellen Goel gemeinsam mit einem Kollegen vom TÜV Nord auf den Plan. "Da schaue ich mir erst einmal an, wieviel Strom die mit dieser Solaranlage produzieren, ob Funktion und Aufbau der Anlage den Richtlinien entsprechen und ob die Anlage funktioniert. Natürlich muss ich auch überprüfen, ob die Daten, die der Kunde mir zur Verfügung stellt, passen, oder ob da vielleicht gemauschelt wurde." Da dürfe man sich nicht scheuen, auch mal penetrant nachzufragen, und zwar nicht nur beim Management des Projekts, sondern auch beim Erbauer und beim Instandhalter der Anlage.

In diesem Projekt stellt sich ein besonderes Problem: Auf den Panels bildet sich immer wieder eine Schicht aus Sand, Staub und Feuchtigkeit. Wenn man sie nicht regelmäßig reinigt, verlieren sie an Effizienz. Entscheidend ist nun, wie der Kunde dieses Problem löst. Benutzt er dazu aufwendig entsalztes Meerwasser oder Druckluft, dann verbraucht er Energie. Das nennt man "Projektemission". Damit ein realistisches Gesamtbild entsteht, muss diese Energie von der Emissionsreduktion des Projekts abgezogen werden. Um das zu verhindern, hat man in Masdar City Arbeiter eingestellt, die die Panels regelmäßig säubern. Zwei zu null für das Projekt: Denn zu den Prüfstandards zählt auch die Anzahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze.
Otto Bock
Ellen Goel interviewt Holzverkäufer und Projektentwickler von atmosfair und DARE beim CDM Audit in Kano, Nigeria

"Co-benefits" für Nigeria

Von außen besehen, trägt die Arbeit eines Klima-Auditors zuweilen skurrile Züge. Da gehen die Mitarbeiter des TÜV Nord, mit einer kleinen Waage bewaffnet, auf Expedition durch entlegene Gegenden Nigerias, besuchen Familien, wiegen das Holz, das die für ihr Mittagessen verbrennen, und messen den CO2-Ausstoß ihrer Öfen. Im Rahmen eines sogenannten "Cost-Checking" registrierten und befragten die Auditoren in 5 Tagen insgesamt 70 Haushalte. Die Projektdaten und der Antrag auf Zertifikate lagen bereits vor. Nun ging es darum, zu überprüfen, ob die Daten stimmen. Verbrennt der neue Öko-Ofen tatsächlich 80 Prozent weniger Holz als eine herkömmliche Feuerstelle? Entstehen durch die Produktion neue Arbeitsplätze in nennenswerter Anzahl? Sind Korruption und Kinderarbeit mit Sicherheit auszuschließen? Der Projektleiter, der die Öko-Öfen produzieren lässt, muss sich viele bohrende Fragen anhören. Für ihn steht dabei einiges auf dem Spiel. Denn Nigeria ist nicht irgendein Projekt. Die UN hat das Vorläuferprojekt mit den "co-benefits" ausgezeichnet. Es gehört somit zu den weltweit besten Zehn. Die Ansprüche an die Nachhaltigkeit sind dementsprechend streng. Die Fäden des Projekts laufen in Deutschland zusammen. Ellen Goel hatte sich vor ihrem Afrikaeinsatz zwei Monate lang beim TÜV Nord in Essen eingearbeitet, ein Training absolviert und das Team vor Ort von dort aus unterstützt.

Ellen Goel mit Kollegen vom TÜV NORD beim CDM Audit der Ras-Laffan-Kraft- und Wasseranlage, Qatar

Die Angst vor den Fragen des TÜV

Egal wo sie hinkommen, den Auditoren des TÜV Nord begegnet man vor Ort mit Respekt. Denn ihre Bewertung kann über Wohl und Wehe eines Projekts entscheiden. "Meistens hat man ein bisschen Angst vor Auditoren. Von daher wird man schon sehr nett empfangen. Rhetorisch muss man geschickt vorgehen, Fragen so stellen, dass man möglichst viele Hintergrundinformation über das Projekt erhält und so herausbekommt, wo noch Klärungsbedarf besteht." Leicht machen es sich die Prüfer nicht. Insbesondere dann nicht, wenn Korruptionsverdacht besteht. "Es muss immer eine Evidenz, einen Beleg, geben", sagt Ellen Goel. "Wir haben zum Beispiel eine Politikerin interviewt, die ein Projekt gerne bei sich registriert haben möchte. Sie verlangte aber, dass man zunächst umgerechnet 4.000 Euro an einen Consultant zahle. Wenn man so etwas hört, schrillen alle Alarmglocken. Das Problem ist, ich habe einen Verdacht, brauche aber einen Beweis. Ohne Beleg kann ich keinen kritischen Vermerk in meinem Bericht machen." Um einen solchen Beweis zu untermauern, müssen Bücher, Belege, praktisch alle Geldflüsse in akribischer Kleinarbeit kontrolliert werden.

2012 läuft das Kyoto-Protokoll aus

Wie es langfristig für Ellen Goel weitergeht, hängt auch von der politischen Großwetterlage ab. 2012 läuft das Kyoto-Protokoll aus. "Man weiß nicht wirklich, was nach 2012 kommt. Da gibt es viele Diskussionen, in Europa wird wohl noch bis 2020 mit Zertifikaten gehandelt. Es kann gut sein, dass ich künftig nicht mehr im CDM-Bereich arbeiten kann. Aber dann wird es etwas ähnliches geben, so dass man sich schnell umschulen und vergleichbare Services anbieten kann. Ich bin da sehr flexibel."

20.05.2012 | 20:00:23

Mai Dang-Goy • Experten-Foren

Thema: Berufsbild Facility Manager

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