INGenius: Frank Spätgens
Ingenieur im Hüttenwesen im Feuerverzinkungswerk TAGAL in China
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© ThyssenKrupp Steel AG
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Nach drei Monaten gab Frank Spätgens auf. Er hatte es aufrichtig versucht, beteuert er. Aber irgendwann setzte sich die bittere Erkenntnis durch, dass Chinesisch lernen zwischen Tür und Angel einfach keinen Sinn macht. Also hat er sich lieber darauf konzentriert, sein Englisch zu verbessern und sich all die Fachvokabeln anzueignen, die nötig sind, um sein Wissen und seine Erfahrung als Ingenieur im Hüttenwesen weiterzugeben an junge chinesische Mitarbeiter.
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Frank Spätgens (Mitte) mit chinesichen Mitarbeitern bei der gemeinsamen Fehleranalyse.
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Doch Englisch ist eben auch für Chinesen eine Fremdsprache, weswegen nicht nur der Wortschatz von Frank Spätgens eine wichtige Rolle spielt, sondern natürlich auch der seiner asiatischen Kollegen. „Manchmal blicke ich in diese strahlenden Augen, die mir sagen wollen 'Ja, ich verstehe'. Aber ich weiß, dass es das Gegenteil bedeutet“, sagt Spätgens. Seit Sommer 2006 leitet er in der nordostchinesischen Küstenstadt Dalian die Abteilung Qualitätssicherung im Feuerverzinkungswerk TAGAL. Das Unternehmen ist ein deutsch-chinesisches Joint Venture von ThyssenKrupp Stahl und der Angang New Steel, an dem beide Partner zu jeweils 50 Prozent beteiligt sind.
Die Anlage I des Joint Ventures ging im Dezember 2003 in Betrieb und erzeugt pro Jahr rund 400.000 Tonnen feuerbeschichtetes Feinblech. Die Inbetriebnahme der neuen, gleich nebenan gebauten Anlage II war für Dezember vergangenen Jahres geplant. Doch die Wirtschaftskrise sorgt zurzeit für eine Verzögerung. Das Werk hat bislang 270 Angestellte. Sechs von ihnen kommen aus Deutschland, darunter Frank Spätgens. Er wollte eigentlich Lehrer werden nach dem Abitur 1974, aber das war ihm schließlich nicht handfest genug. Also entschied er sich für das Ingenieurstudium an der TU Clausthal, an der etwas später unter anderem auch der heutige chinesische Forschungsminister Wan Gang studierte. Nach dem Studium begann er seine Laufbahn bei ThyssenKrupp. Erst in Hattingen, später in Duisburg. Angesichts des familiären Hintergrundes gab es wohl kaum Alternativen. Schon beide Großväter arbeiteten als Dreher bei Thyssen, der Vater 25 Jahre lang als Schlosser.
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Die Feuerverzinkungsanlage von TAGAL in Dalian.
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In Dalian zählen heute zwölf Ingenieure und acht Facharbeiter zu Frank Spätgens Abteilung. „Die Mannschaft funktioniert wirklich gut. Ich konnte gleich den deutschen Qualitätsgedanken als Maßstab nehmen“, sagt er. Einerseits ist das der guten Arbeit seines Vorgängers geschuldet. Andererseits hält der größte Teil des chinesischen Mitarbeiterstabs dem Unternehmen die Treue, so dass sich das Team kontinuierlich weiter entwickelt. Viele andere Arbeitgeber in China klagen dagegen über hohe Personalfluktuation, weil sich im aufstrebenden Reich der Mitte an allen Ecken und Ende neue Möglichkeiten für talentierte junge Leute bieten, die sofort bereit sind, für monatlich 50 Euro mehr Lohn das Unternehmen zu wechseln.
Spätgens ist 54 Jahre alt und "ruiniert" den Altersschnitt seiner Mannschaft, wie er zugibt. Und manchmal greift der Westfale tief in die Trickkiste, um den Schein der Altersweisheit zu wahren. „Die denken, ich weiß alles, nur weil ich der Älteste bin. Wissenslöcher muss ich dann elegant überdecken“, sagt er. Morgens um 9.00 Uhr inspiziert Spätgens mit seinen chinesischen Kollegen den Teil der Produktion, der es im ersten Anlauf wegen sichtlicher Qualitätsmängel nicht in den Vertrieb geschafft hat. Seine Mitarbeiter müssen ein Auge dafür entwickeln, welche Teile zurück in die Inspektionsanlage müssen und welche dennoch gut genug sind, um nachträglich grünes Licht zum Verkauf erhalten.
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Die Maschinen laufen nur reibungslos, wenn sie gewartet und gepflegt werden, versucht Frank Spätgens den Chinesen beizubringen.
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Was dann folgt, ist die Fehleranalyse. Die gestaltet sich wesentlich zeitaufwändiger und mühsamer, als Spätgens es aus Deutschland gewohnt ist. „In Deutschland gibt es Meister, die seit 30 Jahren an der Anlage stehen. Die bringen die Erfahrung mit und erkennen mühelos, wo die Fehler in der Produktion liegen. Hier kriechen sie stundenlang in der Anlage rum, um festzustellen, was falsch läuft“, sagt Spätgens. Zwar gewinnen auch in China die Mitarbeiter mehr und mehr an Erfahrung. Doch ein typisch chinesisches Phänomen erschwert die Analyse. „In Sachen Wartung und Pflege der Anlage wird es hier problematisch“, sagt Spätgens. Und so können eben wegen mangelnder Pflege und Wartung neue, noch unbekannte Fehlerquellen entstehen, die zunächst einmal wieder entdeckt werden müssen, ehe sie behoben werden können.
In den vergangenen Monaten hat sich Frank Spätgens vornehmlich jedoch mit einem neuen Aufgabenbereich beschäftigt, der bei TAGAL bislang brach lag: der Technische Service. Bei Reklamationen fährt Spätgens die Kunden an und sucht mit denen gemeinsam nach möglichen Ursachen von Fehlern. Ein Feld, auf dem es in China noch viel Potenzial gibt. „In Europa gibt es zwischen dem Lieferanten und dem Kunden viel mehr Kooperationsbereitschaft bei der Problemfindung“, sagt er. Sein Unternehmen soll davon insofern profitieren, dass es aus Fehlern der Kunden lernt und bei der Produktion bestenfalls innovativ berücksichtigen kann.
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Das Werk 1 der Feuerverzinkungsanlage in Dalian.
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Wenn es für Spätgens im Sommer nach drei Jahren China zurück in die Heimat geht, dann wird der Technische Service als komplett neue Abteilung parallel zur Qualitätssicherung etabliert. Ein deutscher Kollege wird diese neu geschaffene Position übernehmen, während Spätgens Nachfolger in der Qualitätssicherung erstmals ein Chinese sein wird. „Er wird dann so etwas wie das lebende Resultat meiner Arbeit und der meines Vorgängers“, sagt der 54-Jährige. Der Nachfolger ist knapp über 40 Jahre alt. Die beiden deutschen Ingenieure haben ihn in Sachen Gründlichkeit in den vergangenen Jahren sozusagen eingedeutscht. Mit Erfolg, wie Spätgens findet. "Sie können hier problemlos mit dem deutschen Qualitätsgedanken an die Sache herangehen", sagt er.
Spätgens hat „immens viel Erfahrung“ gesammelt in den nunmehr fast drei Jahren in Dalian. Doch er gibt auch zu, dass es ihm nicht gelungen ist, in die chinesische Kultur einzutauchen. Kontakt zu Chinesen hat er ausschließlich im beruflichen Bereich. Immerhin sei der Lebensstandard mit seinem Gehalt vergleichsweise höher als in in seinem eigentlichen Wohnort Düsseldorf. Wo er seine Laufbahn fortsetzen wird, weiß er noch nicht. Als Angestellter von TAGAL ist er nach Auslaufen seines Vertrages faktisch zunächst einmal arbeitslos. Doch mehr als eine Formalie ist dieser Status nicht. Mit seinen Erfahrungen empfiehlt er sich für neue Aufgaben in seinem Heimatunternehmen ThyssenKrupp Stahl.
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