INGenius: Brauingenieur Peter Kowalsky
Der 41-Jährige sorgte mit seiner Familie für den Bionade-Boom
|
|
|
|
|
© Judith Wagner
Brauingenieur Peter Kowalsky
|
Aus der Krise gewachsen
Mitte der 80er Jahre befand sich die Privatbrauerei Peter aus dem beschaulichen Rhön-Dorf Ostheim in Unterfranken in einer schweren Krise. „Die großen Biermarken wurden durch Fernsehwerbung stark, mit denen konnten wir nicht mithalten. Zudem hat die Einführung der Promillegrenze bei uns zu einem Umsatzknick geführt, sodass wir uns Gedanken machen mussten, wie es weitergehen soll“, schildert Peter Kowalsky die damalige Situation.
Er selbst begann damals sein Studium Brauwesen und Getränketechnologie in Freising-Weihenstephan. Dieter Leipold, ein Braumeister mit Leib und Seele, machte sich daran, zunächst in der eigenen Wohnung eine Limonade nach den Prinzipien des Bierherstellens zu entwickeln. Dieses sollte so rein sein wie Bier, aber weder so schmecken, noch Alkohol enthalten. Der Schlüssel zum Erfolg: Fermentation, also die Herstellung eines Softdrinks mithilfe von Mikroorganismen.
|
|
|
© Heiko Grimm
|
Dieter Leipold wollte, auf Basis von Brauereiwissen und mit einem eigenen Reinheitsgebot, analog zu dem Reinheitsgebot des Bieres, ein gesundes Erfrischungsgetränk für Kinder entwickeln. Im Gegensatz zu herkömmlichen Limonaden mit chemischen Zutaten, teilweise anorganischen Säuren und viel Zucker dürfen für die Herstellung von Bionade ausschließlich natürliche Rohstoffe verwendet werden.
Bis diese Mikroorganismen gefunden waren und ein wiederholbarer Herstellungsprozess entwickelt war und so mit Bionade eine Kinderlimonade nach dem Reinheitsgebot erfunden wurde, vergingen zehn Jahre. Und die Familie um den jungen Diplom-Ingnieur Peter Kowalsky stand vor einem großen Problem: Wie bringen wir das Produkt zum Endkunden? Wie bauen wir einen Vertrieb auf?
|
|
|
© Michael Hudler
Die Familie (v.l.): Dieter Leipold, Peter Kowalsky, Sigrid Peter-Leipold und Stephan Kowalsky
|
Der ursprüngliche Plan, andere ähnlich kleine Brauereien, die im Bundesgebiet verteilt waren, an der Herstellung zu beteiligen, schlug fehl. Sie hatten schlicht und einfach kein Interesse daran. Eine wichtige Entscheidung, die den weiteren Weg maßgeblich beeinflusste, musste getroffen werden. „Uns war klar, aufhören macht keinen Sinn. Unsere einzige Chance war, in Eigenregie einen Vertrieb aufzubauen und alles selbst zu machen“, sagt Peter Kowalsky. Das bedeutete: Weitere Millionen Euro mussten investiert werden, der Schuldenberg wuchs – und nach der technischen Entwicklungsarbeit waren vor allem betriebswirtschaftliche Fähigkeiten gefordert.
„Da hat mir meine Zeit an der Universität sehr geholfen. Das war ein tolles und zugleich schweres Studium“, meint Peter Kowalsky. So umfasst das Studium Brauwesen und Getränketechnologie in Freising-Weihenstephan ein vielfältiges Lernangebot wie Brauereirohstoffe, Mikrobiologie, Verfahrenstechnik, Chemie, Physik, Biologie, Thermodynamik, Statik, Molekularbiologie, Abfülltechnik, Fermentation, Logistik, Controlling, Buchhaltung, Marketing und Vertrieb. „Durch dieses riesige Feld habe ich einen offenen Blick bekommen und weiß, worüber die Leute - ob Landwirte, Chemiker oder Betriebswirte - reden. Du musst schließlich in der Lage sein, viele Dinge zu überblicken.“
|
|
|
© Heiko Grimm
Unzählige Flaschen Bionade werden täglich abgefüllt
|
Lernen im Praxisalltag
Vieles hat der Ingenieur aber auch im Praxisalltag gelernt. „Meine Erfahrung hat gezeigt, dass man sich auch auf ein gesundes Bauchgefühl verlassen muss. Das heißt, nicht lange testen, sondern ein neues Produkt oder eine neue Maßnahme direkt auf dem Markt ausprobieren – wenn denn das Bauchgefühl stimmt“, so Peter Kowalsky. Bionade mit den Sorten Holunder, Litschi, Quitte, Kräuter, Ingwer-Orange und Aktiv hat sich in Deutschland innerhalb kurzer Zeit zu einem Kultgetränk entwickelt.
Die rasant steigende Nachfrage hat auch permanente Veränderungen in der Produktion erfordert, wobei besonders die praktischen und technischen Fähigkeiten von Bruder und Braumeister Stephan zum Unternehmenserfolg beitrugen. Peter Kowalsky: „Wir ergänzen uns prima, bilden eine gute Symbiose. Ein Geheimnis von Bionade ist auch, dass es uns als Familie immer um die Sache ging. Persönliche Dinge haben wir immer hinten angestellt.“
Der Produktionsbetrieb, der aus der einstigen Brauerei Peter erwachsen ist, hat heute 180 Mitarbeiter, wobei viele aus der damaligen Bierbrauerei noch immer dabei sind. Doch müssen alle in ganz anderen Dimensionen denken: Statt zwei Millionen Flaschen im Jahr 2003 durchliefen in heißen Sommern wie 2007 und 2008 zwei Millionen Flaschen pro Tag die Produktionsstraße.
|
|
|
© Heiko Grimm
Produktionsstandort ist das kleine Örtchen Ostheim in der Rhön
|
Internationalisierung in kleinen Schritten
Und Peter Kowalsky sieht ein weiteres großes Potenzial in der biologisch hergestellten Limonade. Weitere Verkaufsstandorte neben dem Getränkehandel wie die Gastronomie, Tankstellen und auch Hochschulen hat er im Blick. Er will mit der Bionade aber auch die Welt erobern.
Geplant ist eine Internationalisierung in kleinen Schritten, wobei zunächst in Testmärkten wie Barcelona, London oder San Francisco geschaut wird, wie Bionade dort ankommt. „Dazu haben wir eine strategische Partnerschaft mit der Radeberger Gruppe, hinter der die Oetker-Gruppe steht, geschlossen. Diese Zusammenarbeit soll unsere Distributionspower stärken“, sagt Peter Kowalsky, der längst mehr als Marketingstratege denn als Ingenieur gefordert ist.

