INGenius: Dipl.-Ing. Sonja Kehmeier
Projektmanagerin Civil Works bei der Enercon GmbH
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Doch der Reihe nach: Sonja Kehmeier wollte eigentlich Architektur studieren, aber da war der Numerus Clausus davor. Sie erhielt keinen Studienplatz und schrieb sich deshalb für das Fach Bauingenieurwesen an der Uni Dortmund ein – ist ja was ähnliches, dachte sie zunächst. „Ich merkte aber schnell, dass der Bauingenieur besser zu mir passt. Insbesondere die Beschäftigung mit wirtschaftlichen, rechtlichen und betrieblichen Aspekten im Bauwesen in den höheren Semestern hatte es mir angetan“, erinnert sich Kehmeier. „Eine der besten Vorlesungen war Baurecht, da ging es zum Beispiel um die VOB. Das Wissen hilft mir heute noch bei der täglichen Arbeit.“
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VOB steht für 'Verdingungsordnung für Bauleistungen' und stellt eine Art Grundgesetz in der Baubranche dar. Viele technisch orientierte Ingenieure befassen sich ungern mit diesem Regelwerk, doch im knallharten Business auf der Baustelle ist die VOB oft wichtiger als statische Berechnungen und planerische Details. Dass Sonja Kehmeier schon früh über den Tellerrand des rein technisch denkenden Ingenieurs hinausgeschaut hat, zeigen auch ihre Nebenjobs während des Studiums: Sie arbeitete als Kellnerin, auf Messen, für einen lokalen Fernsehsender und in einem Fraunhofer-Institut.
Das Diplom machte Kehmeier folgerichtig beim Professor für Baurecht und arbeitete anschließend in dessen Gutachterbüro. Hier befasste sie sich mit Problemen bei großen Bauprojekten. „Es ging um zögerliche Baufortschritte, Mängel bei den Bauleistungen, unstimmige Planungen, die gutachterlich festgehalten wurden“, berichtet Kehmeier. Der nächste Schritt brachte die junge Ingenieurin an die Ostküste der USA, wo sie im Ingenieurbüro Landmark Projekte im Bereich Straßenbau, Abwassertechnik und Landschaftsplanung bearbeitete. „Eine hochinteressante Erfahrung, die ich nicht missen möchte“, so Kehmeier. „Ich bekam Einblicke in Themen, die im Studium nicht vorkamen.“
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Schließlich kam das Angebot, bei Enercon zu arbeiten. Bei dem renommierten Windanlagenbauer hatte sich Kehmeier schon während der Diplomarbeit beworben, doch manchmal mahlen die Mühlen bei der Personalentscheidung in größeren Unternehmen langsam. „Endlich klappte es. Zunächst war ich als Projektmanagerin für das Gebiet Ostfriesland und Emsland zuständig, dann kamen Australien und Neuseeland dazu und jetzt auch Portugal“, berichtet Kehmeier.
Ein anspruchsvoller Job, bei dem kein Tag dem anderen gleicht. „Ich bin im Prinzip für die übergeordnete Organisation des gesamten Bauablaufs zuständig“, erläutert die Ingenieurin. „Dabei geht es – grob gesagt – um drei Faktoren: Termine, Kosten und Qualität.“ Kehmeier erstellt Terminpläne für den Bauablauf und kümmert sich darum, dass ein Rädchen ins andere greift. Sie koordiniert alle am Bau Beteiligten – Mitarbeiter, externe Firmen, Behörden und Bauherren – und achtet darauf, dass Termine eingehalten und veranschlagte Kosten nicht überschritten werden. „Ziel ist letztlich die Zufriedenheit unserer Kunden. Darauf legen wir bei Enercon sehr großen Wert“, betont Sonja Kehmeier.
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Beispielsweise werden die Pfahlgründungen und Fundamente für die Türme der Windenergieanlagen von externen Bauunternehmen erstellt. Hier ist Kehmeier für die Ausschreibung und Vergabe der Arbeiten zuständig. „Am Anfang waren gerade die Preisverhandlungen gewöhnungsbedürftig, kommen sie doch im täglichen Leben nicht so oft vor. Mittlerweile macht es aber Spaß, hartnäckig bestimmte Preise zu erreichen”, so Kehmeier.
Eine Herausforderung ist meist auch die Organisation von Transport und Montage der Turmsegmente. „Die Transporte haben enorme Abmessungen von bis zu 42 Metern“, erklärt Kehmeier. „Da müssen schon mal Kreuzungen oder Kreisverkehre in Abstimmung mit den zuständigen Behörden angepasst werden.“ Auf der Baustelle angekommen, werden die Segmente mit einem riesigen Mobilkran aufgerichtet und montiert. Die Ingenieurin arbeitet hier eng mit den Kranspezialisten des Unternehmens zusammen: „Wir müssen sicherstellen, dass die Stellfläche für den Kran ausreichend Platz bietet und der Untergrund tragfähig ist.“
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Größte Windenergieanlage der Welt gebaut
Eines der spannendsten Projekte war für Kehmeier die Errichtung der Enercon E-126, der bislang leistungsstärksten serienmäßig gebauten Windenergieanlage der Welt. Kehmeier berichtet: „Sie ist mit einer Nabenhöhe von 135 Metern und einem Rotordurchmesser von 127 Metern rund 200 Meter hoch. Die Anforderungen sind ganz anders als bei den kleineren Anlagen. Die Bau- und Aufbauphasen dauern länger, die Kranstellfläche ist größer, die Turbine ist riesig, die Krane stehen nicht mal eben um die Ecke, Transporte sind aufwändiger – einfach beeindruckend.“
Natürlich hat Sonja Kehmeier mit ihrem Team auch diese Aufgabe gemeistert, ebenso wie den Bau von Windenergieanlagen in Portugal. Der stellt wegen der schwer zu erreichenden Standorte im steilen Gebirge und der widrigen Wetterbedingungen ganz andere Anforderungen als im flachen Land. Aktuell bereitet Kehmeier ein Projekt in Australien vor. Sie schildert die Herausforderung: „Während wir in Deutschland die Firmen und Behörden, mit denen wir zusammenarbeiten, meist schon seit Jahren kennen, muss ich hier erst alle nötigen Kontakte zu Unternehmen, Prüfbehörden, Statikern usw. neu knüpfen – in einer Fremdsprache in einem fremden Land.“
Jede Aufgabe ist anders – gerade das schätzt Sonja Kehmeier an ihrem Job. „Ein Projekt läuft eben nie gleich ab und man lernt jeden Tag dazu. Neue Situationen, neue Kontakte, neue Probleme.“ Denn natürlich geht auch mal was schief, da wird ein Fundament nicht rechtzeitig fertig, die Baugrubensohle bricht ein, ein Unwetter legt die Baustelle still oder die Qualität des gelieferten Betons stimmt nicht. „Dann muss ich schnell Entscheidungen treffen, Terminpläne ändern und dafür sorgen, dass die Verzögerungen und Mehrkosten möglichst gering bleiben“, so Kehmeier. Sie fügt schmunzelt hinzu: „Da ist oft auch Improvisationstalent gefragt – einfach kann schließlich jeder.“
Wichtig: Auslandserfahrung sammeln
Und welche Erfahrungen hat sie als Frau in einem ursprünglichen Männerberuf gemacht? Die Antwort kommt ohne Zögern: „Eigentlich nur gute. Manchmal wird man vielleicht komisch angeschaut am Anfang, aber das legt sich ziemlich schnell. Frau darf nicht zimperlich sein, egal ob es um den Dreck auf der Baustelle geht, das schlechte Wetter oder derbe Sprüche unter Kollegen. Frau sollte aber auch wissen, worüber sie redet.“
Sonja Kehmeier macht ihre Arbeit Spaß, auch wenn sie zeitintensiv ist. „Ich bin sehr zufrieden mit meinen Aufgaben. Aber sicher wird es im Unternehmen weitere Herausforderungen geben, mit denen ich wachsen kann.“ Für angehende Ingenieure hat sie noch einen wichtigen Tipp: „Sammelt unbedingt Auslandserfahrung. Nicht nur wegen des Jobs, sondern weil es einen persönlich weiterbringt. Eine spannende Zeit, die einem nur gut tut.“

