INGenius: Volker Wittig
Der Maschinenbauingenieur forscht an neuen Bohrverfahren zur Energiegewinnung aus der Erde
|
|
|
© Hochschule Bochum
|
Er ist im elterlichen Landwirtschaftsbetrieb in der Nähe von Bielefeld aufgewachsen. „Wir dachten damals: Die Scholle hinter dem Haus ist die Welt“, sagt der 46-jährige Dipl.-Ing. Volker Wittig im Rückblick auf seine Kindheit. Den damals begrenzten Horizont hat der Maschinenbauingenieur deutlich erweitert: Er hat einen großen Teil seines Studien- und Berufslebens in den USA verbracht, aber auch den neugierigen Blick in die Tiefe der Erde gerichtet: So forscht er an neuen Bohrmethoden, die zur Energiegewinnung aus der Erde notwendig sind. GeoJetting heißt das äußerst effiziente Bohrverfahren, das er gemeinsam mit Forschern von der Hochschule Bochum entwickelt hat.
|
|
|
© Carsten Oberhagemann
Dipl.-Ing. Volker Wittig
|
Die Ursprünge seiner Forschungstätigkeiten liegen in den USA, sein heutiger Arbeitsbereich mitten im Ruhrgebiet. Nach dem Maschinenbaustudium in Braunschweig zog es Volker Wittig in die USA. In South Dakota wählte er den Schwerpunkt Landmaschinen – irgendwie typisch für den Mittleren Westen mit seinen riesigen Feldern, die es mit entsprechendem Equipment zu beackern gilt. Dann zog es ihn weiter: Zwei Bundesstaaten südlicher in Kansas arbeitete Wittig im Umweltbereich, mit sogenannten „Direct-Push-Verfahren “ untersuchte er, ob Grundwasser und Böden mit Altlasten verseucht sind – und zwar anhand von Flachbohrungen.
Das extreme Klima im Mittleren Westen – im Sommer wird es bis 45 Grad Celsius heiß, im Winter bis minus 30 Grad Celsius kalt – brachte ihn auf die Idee, dass man doch die Wärme des Sommers speichern müsse, um sie im Winter zu nutzen. Er beschäftigte sich intensiv mit oberflächennaher Geothermie und der Bohrtechnik - zunächst noch in den USA, aber von Beginn an in enger Kooperation mit Prof. Bracke von der Hochschule Bochum und dem GeothermieZentrum Bochum. Für das neue Bohrverfahren, das sie gemeinsam entwickelten, waren vor allem Kenntnisse aus dem Maschinenbau- und dem Bauingenieurwesen nötig. Das Prinzip, das hinter GeoJetting steckt: Der Bohrkopf ist mit Düsen versehen, aus denen ein Wasserstrahl mit hohem Druck (bis 1000 bar) herausgeschossen kommt - das Erdreich wird zerschnitten und erodiert, hartes Gestein zertrümmert.
|
|
|
© privat
Bilder von den ersten Feldversuchen in den USA: Ein Kleinbohrgerät nimmt eine Erdprobe, Druckmanometer und Flowmeter, Bohrspitze
|
|
|
|
© Hochschule Bochum
Bohrkopf.
|
So neu das Verfahren klingt, so einfach scheint die Umsetzung: Im Grunde haben Wittig und sein Team „nur“ Bohrmaschinen und -geräte mit industrieller Hochdrucktechnik kombiniert und entsprechend umgerüstet, welche bereits in industrieller Anwendung erprobt waren. Wittig: „Man muss Dinge ja nicht grundsätzlich neu erfinden, die bereits für sich in bestimmten Anwendungsbereichen funktionieren. Wir haben uns auf die konzeptionelle Entwicklung konzentriert und damit verbundene Anpassungen bzw. Neuentwicklungen im Tooling vorgenommen.“
|
|
|
© Hochschule Bochum
Bohrungen auf dem Campus der Hochschule Bochum
|
Private Anliegen, aber auch der rasche Fortschritt bei diesem Forschungsprojekt veranlassten ihn, nach zwölf Jahren seine Zelte in den USA wieder abzubrechen und in sein Heimatland zurückzukehren. Weitere Testbohrungen führte das Forscherteam um Volker Wittig auf dem Campus der Hochschule Bochum durch, bis der Prozess schließlich abgeschlossen und ein industrieller Partner gefunden war.
Der Heizungsanlagenbauer Vaillant aus Remscheid hat das Patent erworben und die selbständige Tochter Vaillant geoSYSTEME als Joint Venture gegründet . Schließlich, so hofft das Unternehmen, könnten mit dem Wasserdruck-Bohrverfahren deutlich schneller und kostengünstiger Erdsonden eingelassen werden, die man beispielsweise für den Betrieb von Erdwärmepumpen benötigt.
|
|
|
© Hochschule Bochum
Volker Wittig hat die Steuerung in der Hand und den Blick in die Zukunft gerichtet
|
Aber Volker Wittig blickt bereits weiter in die Zukunft: „Mit dem gerade hier in Bochum gegründeten GeothermieZentrum mit GeoTechnikum schaffen wir ein Arbeitsumfeld, welches die wissenschaftliche und wirtschaftliche Basis für Forschung und Entwicklung auf anderen Anwendungsfeldern bildet – wie zum Beispiel Tiefengeothermie, Anwendung im Kohlebergbau oder Horizontalbohrtechnik“, meint Wittig, der gerade an die jungen Menschen appelliert, sich wieder intensiv mit dem Umweltgedanken auseinander zu setzen: „Vor 20 Jahren blühte die Umweltszene auf, da schien das Drei-Liter-Auto nahe Realität zu sein. Doch wo ist es heute? Wir müssen uns Gedanken machen, wo die Energie herkommt, und neue Technologien entwickeln. Da sehe ich für Deutschland Chancen, wieder Vorreiter zu sein. Das würde dem Land auch langfristig weiterhelfen.“

