Wer jemals einen U-Boot-Film gesehen hat, erinnert sich vielleicht an Szenen, in denen Besatzungsmitglieder mit Kopfhörern ausgerüstet auf große Monitore blicken. Bei der Deutschen Marine ist der Sonarmaat dafür verantwortlich und tatsächlich hat er die ganze Zeit sein Ohr unter Wasser – im übertragenen Sinne versteht sich. In die gigantischen U-Boote, die weltweit durch die Ozeane tauchen, sind zahlreiche Arrays verbaut. Das sind ganze Ketten von Sonaren, die jedes noch so kleine Geräusch unter Wasser auffangen. Und ein Sonar ist im Grunde nichts anderes als ein Hydrophon – ein Unterwassermikrofon. Aktive Sonare arbeiten mit dem legendären PING. Einem akustischen Signal, das vom Boot ausgesendet wird und als Reflexion zurückkehrt. Durch die vielen Sonare kann ermittelt werden, wo genau sich ein Objekt befindet. Aber nicht jedes U-Boot möchte entdeckt werden, z. B. im militärischen Einsatz. Dort nutzt man Passivsonare, die können nur hören, das aber umso besser.
Nils Müller spielte klassisch mit Legotechnik, baute Pneumatik-Trecker, interessierte sich für Physik und fragte seinen Vater – selbst Luft- und Raumfahrtingenieur bei einem großen Automobilkonzern – Löcher in den Bauch. Er lebte in Brasilien, den U.S.A. und schließlich wieder in Deutschland – dem Job des Vaters folgend. Und dann studierte er zunächst Technische und Angewandte Physik, flog fürs Auslandspraktikum erneut in die Staaten und machte bei Daimler die ersten Schritte in die KI. Nach dem Einser-Bachelor dann das Einser-Elektrotechnik-Masterstudium und über wenige Umwege nun die Promotion bei der ATLAS ELEKTRONIK in Bremen. ATLAS ELEKTRONIK ist Spezialist für Hydroakustik, Sensortechnik und Informationstechnologie sowie Lieferant für Marinen auf der ganzen Welt und auch für zivile Kunden. Hier kümmert sich Nils nun im A-LAB um das Thema Big Data Lagebild. Das A-LAB ist ein firmeninternes Forschungsinstitut für die maritimen Technologien von morgen, in dem akademische Fragestellungen und Industrie zusammentreffen.
Eben dieses Lagebild erstellt der eingangs genannte Sonarmaat. Es ist die einzige Möglichkeit, mit der man sich unter Wasser orientieren kann. Das aber wiederum recht gut. Der Schall breitet sich unter Wasser mit rund 1.200 Metern in der Sekunde aus, ist also etwa viermal so schnell wie in der Luft. Und je nach Wassertiefe ändert sich auch noch die Dichte des Wassers. Dadurch bilden sich regelrechte Dichtekanäle, mit deren Hilfe sich Wale bis zu 2.000 Kilometer weit verständigen können. Diese besonderen Eigenschaften der Unterwasserakustik macht sich auch der Sonarmaat zunutze. Er muss diese zahllosen Geräusche einordnen können. So kann er Fischerboote von Passagierschiffen unterscheiden, Pottwale von Heringsschwärmen, U-Boote von Felsen. Seine Funktion ist also für das U-Boot essentiell. Deshalb versucht Nils hierfür eine Künstliche Intelligenz zu entwickeln, um die menschlichen Fähigkeiten zu ergänzen.
„Der Sonarmaat kann feinste Nuancen aus einem rauschenden Dickicht heraushören. Aber es ist total schwer, diese Unterschiede mathematisch zu beschreiben, gerade weil die Unterwasserakustik sehr dynamisch ist", erklärt er. Der Mensch schafft es trotzdem. Also versucht Nils mit Hilfe der Open-Source-Programmiersprache Python über die kommenden Jahre ein Sonarsystem zu entwickeln, das selbst lernt. „Ich versuche dann mit einer KI diese Signale zu klassifizieren, damit die Intelligenz weiß, was um das Boot so herum schippert.“ Sein Job ist also extrem digital. Im Grunde ist er Software-Ingenieur und betreibt nun eine Menge Grundlagenforschung auf dem Weg zum intelligenten Ohr. Und es ist genau das, was ihm am meisten Spaß macht: Forschen!
Letztlich programmiert Nils eine Software, die Sonare bleiben gleich. Kleine Kästchen in künstlichem Harz vergossen, die entweder wie an einer Perlenkette aneinandergereiht ein viele Meter langes Kabel bilden, das sowohl ein Schiff als auch ein U-Boot hinter sich herziehen kann. Oder die Sonare werden fest am und im Schiff verbaut. Ihre Wirkungsweise ist immer gleich. Die Technik hört Geräusche aus verschiedenen Perspektiven und kann so den genauen Ort ihres Ursprungs zurückberechnen. Ein geschulter Sonarmaat kann sogar anhand der Geräusche einer Schiffsschraube auf den Typ des Schiffs schließen, weil jede Fregatte, jeder Flugzeugträger, jedes U-Boot andere Schrauben hat. Schiffsschrauben haben quasi einen akustischen Fingerabdruck. Auch das muss Nils einberechnen und mehr: den Salzgehalt des Wassers, die Temperaturschwankungen, Strömungen. Bis der Sonarmaat von einer Künstlichen Intelligenz abgelöst wird, dürfte es also noch etwas dauern. Aber dass sie kommt, ist ziemlich sicher.