Wer hätte das gedacht: Gerade in Deutschlands bunter Hauptstadt Berlin findet sich ein kleiner und eher familiär ausgerichteter Studiengang wieder. In der Schiffs- und Meerestechnik kennt man sich. Studierende und Dozierende stehen in engem Kontakt. Oftmals arbeiten Studierende bereits im Studium an Forschungsprojekten mit, assistieren in den Versuchsanlagen und schreiben praxisorientierte Abschlussarbeiten. „Durch den kleinen Studiengang haben wir die Möglichkeit, eine besonders gute Betreuung der Studierenden zu ermöglichen. Die Stimmung ist sehr familiär“, betont der wissenschaftliche Mitarbeiter Philipp Ruhmöller vom Fachbereich Entwurf und Betrieb Maritimer Systeme.
Masterstudentin Anna-Sophia Büscher erlebt das enge Verhältnis nicht nur im Studienalltag, sondern auch im fachlichen Austausch: „Ich war letzte Woche auf der Hauptversammlung der Schiffbautechnischen Gesellschaft und habe wieder mal festgestellt, was für eine familiäre Branche der Schiffbau größenbedingt ist. Sowas ist eine super Gelegenheit zum Netzwerken. So tun sich zum Beispiel bei Gesprächen während des Mittagessens einfach nebenher Praktikumsplätze oder Möglichkeiten für Masterarbeiten auf.“
Dozierende bringen aktuelle Beispiele aus ihren Forschungen mit und die Vorlesungen werden durch praktische Übungen begleitet. Das hat die 23-jährige Anna, die jetzt im zweiten Fachsemester studiert, besonders überzeugt: „Da habe ich den großen Unterschied zum Bachelor gemerkt. Ich kann die Inhalte durch die Anwendung viel besser verstehen und vor allem auch behalten.“ Zusätzlich zu den Übungen in der Universität können die Studierenden ihr theoretisches Wissen in den Versuchsanlagen überprüfen. Diese sind mit unterschiedlichen Ausrüstungen, wie beispielsweise einer Schlepprinne, einem Tiefwassertank oder einem Wellenkanal ausgestattet und verteilen sich in mehreren Berliner Stadtteilen. Ein klassischer Versuch, den alle Studierenden einmal sehen dürfen, ist der Schlepprinnenversuch. Dabei wird ein Schiffsrumpf durch eine 250m lange Schlepprinne gezogen. Daran wird untersucht, wie viel Kraft ein Motor aufbringen muss, um das Schiff vorwärtszutreiben.
Die Inhalte des Studiums teilen sich in zwei Kernbereiche auf: Einmal der Entwurf und Betrieb Maritimer Systeme und einmal die Dynamik Maritimer Systeme. „Der Entwurfsbereich beschäftigt sich mit dem gesamten Entwicklungsprozess eines Schiffs. Dazu gehören z. B. das System Engineering, die Elektrotechnik und der Maschinenbau. Im Bereich Betrieb lernen die Studierenden den Seeverkehr und internationalen Handelsverkehr besser kennen“, erklärt Ruhmöller.
Bei der Dynamik Maritimer Systeme dreht sich alles um die hydrostatischen Eigenschaften eines Schiffs. Das heißt, die Studierenden lernen zum Beispiel wie viel Widerstand ein Schiff im Wasser erzeugt oder wie es sich bei stärkerem Wellengang wieder von selbst aufrichten kann. Dazu nennt Anna einen klassischen Anwendungsfall: „Für Schiffbauingenieur*innen ist es immer schwierig, wenn auf dem obersten Deck eines Kreuzfahrtschiffes ein Pool gebaut werden soll. Eigentlich verteilt man das Gewicht im Schiff aus Stabilitätsgründen eher so, dass schwere Dinge weiter nach unten geladen werden.“
Der Fokus im Studium liegt definitiv auf der Technik. Wer sich in den Masterstudiengang einschreiben will, braucht daher einen abgeschlossenen Bachelor mit technischem Hintergrund. „Ich habe im Bachelor Schiffs- und Reedereimanagment an der Hochschule Emden/Leer studiert. Dabei habe ich den Fokus aber auf den technischen und nicht auf den Managementaspekt gelegt. Deswegen war ich mir sicher, dass ich hier im Master angenommen werde“, erinnert sich Anna.
Studienanfänger*innen können bereits im Bachelorstudium Verkehrswesen die Schiffs- und Meerestechnik als Vertiefungsrichtung kennenlernen.
Die Studienwahl ist manchmal gar nicht so einfach, aber Anna war eins besonders wichtig: „Als es um die Studienwahl ging, waren mir die klassischen ingenieurswissenschaftlichen Fächer zu unspezifisch. In meinem Studiengang wollte ich mich möglichst früh festlegen, in welchem Fachbereich ich später einmal arbeite.“ Die Wahl zur Schiffs- und Meerestechnik war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus: „Ich bin einfach ein Meermensch. Es gibt Bergmenschen und dann gibt es Meermenschen. Ich wollte was mit Wasser machen.“
Bereits im Bachelor arbeitete die Studierende einige Zeit in einer kleinen Werft in den Niederlanden in der Nähe von Rotterdam. Dort kümmerte sie sich um Stabilitätsberechnungen und das Zeichnen von Konstruktionsplänen. Im Master will sie sich jetzt auf den Entwurf von Schiffen spezialisieren.