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ING des Monats

Februar 2016: Jutta Saatweber

Jutta Saatweber - Die Pionierin

Ingenieurinnen sollen einfach mutig sein!

Jutta Saatweber (77) ist heute leidenschaftliche Ingenieurin – doch wenn man einen Blick auf ihren ungewöhnlichen Lebenslauf wirft, wird schnell klar, dass sich diese Leidenschaft zunächst eher aus den (gesellschaftlichen) Umständen entwickelt hat. Dabei hat sie immer wieder die Erfahrung gemacht, sich als Frau unter vielen Männern behaupten zu müssen. Daher wünscht sie sich mehr junge, mutige Ingenieurinnen, die zeigen was sie können.

Freie Berufs- und Studienwahl? Von wegen!

Wer heute studieren möchte, muss einen bestimmten Notendurchschnitt mitbringen oder hat vielleicht mit den Studien- und Berufswünschen der Eltern zu kämpfen. Doch hinsichtlich der Berufs- und Studienwahl gibt es eher zu viele als zu wenige Auswahlmöglichkeiten, sodass die Entscheidung nicht immer leicht fällt. Ganz anders sah es bei Jutta Saatweber aus. Aufgewachsen in Salzwedel in der Altmark, wollte sie eigentlich Sportlehrerin werden. Doch da ihre Eltern selbstständig waren und dies in der Werteordnung der DDR-Gesellschaft überwiegend als negativ beurteilt wurde, galt sie als so genannte "Sonstige". Als solche abgestempelt, durfte sie weder ein geisteswissenschaftliches Studium noch ein Lehramtsstudium beginnen. So standen ihr gezwungenermaßen nur die stark beworbenen technischen Ausbildungen zur Wahl.

Mit sehr gutem Ausbildungsabschluss zum Studienplatz

Ohne rechte Vorstellung, was sie genau erwarten würde, durchlief sie so ihre Elektrikerausbildung in der VEB Energieversorgung Magdeburg, Außenstelle Salzwedel. Aus der Alternativlosigkeit wurde schon bald Begeisterung für Technik, sodass sie die Ausbildung als Elektromonteurin schließlich mit der Note 1 abschloss - als einzige unter den vielen Jungs und wenigen Mädchen.

Wichtiger Hintergrundgedanke war jedoch auch, dass sie mit ihrem sehr guten Abschluss als "Sonstige" nicht so leicht von ihrem Unternehmen übersehen werden konnte, wenn es um die Vergabe von Studienplätzen ging. Denn auch dies war ganz anderes geregelt als heutzutage: man bewarb sich nicht selbst um einen Studienplatz, sondern wurde von den Unternehmen "delegiert", also zum Studium abgeordnet.

Vom Studium nach Berlin

Nach einem Jahr harter, körperlicher Arbeit in ihrem Unternehmen durfte sie tatsächlich mit dem Studium des Fachs "Energieversorgung, Leitungen, Netze" an der Hochschule Zittau beginnen – gemeinsam mit nur zwei weiteren Frauen und 60 Männern im Hörsaal. Das Studium war zwar sehr verschult, doch Jutta Saatweber war gut integriert und fühlte sich wohl. Noch heute trifft sie sich mit Kommilitonen von damals.

Während die meisten Studierenden nach ihrem Abschluss in ihre ursprünglichen Unternehmen zurückkehrten, wollte Jutta Saatweber auf keinen Fall zurück. So kam eine weitere Besonderheit der DDR zum Tragen: Jutta Saatweber konnte sich nicht einfach bei einem Unternehmen bewerben, sondern musste drei Wunschbetriebe nennen. So wurde sie schließlich als Projektingenieurin bei der VEB Energieprojektierung Berlin angestellt, welche unter anderem für alle Energieversorgungsbezirke im Osten die Starkstromleitungen projektierte. In Berlin spitzte sich jedoch Anfang 1961 die politische Lage immer weiter zu. Durch die verstärkt stattfindenden Kontrollen und das heimliche Hören des RIAS (= Rundfunk im amerikanischen Sektor) gewarnt, beschloss Jutta Saatweber ebenfalls in den Westen zu gehen. Und mit ihrem unguten Gefühl sollte sie Recht behalten – etwa einen Monat nachdem sie die DDR verlassen hatte, wurde die Mauer gebaut.

Ein eigener Firmenwagen!

Nachdem sie ausgeflogen und in ein Lager in Gießen gebracht worden war, ging es für Jutta Saatweber nach Düsseldorf. Obwohl man beim Arbeitsamt im ersten Moment noch irritiert war, eine IngenieurIN zu vermitteln, unterschrieb sie schon wenig später ihren Vertrag bei Calor Emag (heute ABB AG) in Ratingen. Von Calor Emag wechselte sie zum Unternehmen Hartmann und Braun (mittlerweile ebenfalls ABB AG) – Grund war unter anderem die verlockende Aussicht auf einen Firmenwagen, den sie wiederum als erste Frau unter vielen Männern im Außendienst bei Hartmann und Braun erhielt.

Für einige Jahre blieb sie – trotz verschiedener Umzüge – Hartmann und Braun treu und lernte hier unter anderem auch ihren Mann kennen – einen Ingenieur mit den Schwerpunkten Hochfrequenz- und Nachrichtentechnik. Erst als ihre beiden Kinder geboren wurden, verlor sie den Kontakt zum Unternehmen. Nachdem sich der anschließende Berufseinstieg in Teilzeit dann etwas schwieriger gestaltet, war ihr schließlich klar: ich muss mich selbstständig machen.

Quality Function Deployment (QFD)

Im Kontext ihrer weiteren Tätigkeiten kam sie durch Zufall in Kontakt mit QFD, einer qualitativen Methode zur Ermittlung von Kundenanforderungen, welche die Umsetzung in technische Lösungen ermöglicht. Von dieser Methode war sie auf Anhieb so begeistert, dass QFD von nun an ihren weiteren, beruflichen Weg bestimmte: nicht nur im Rahmen von unzähligen Vorträgen, Seminaren und Engagements unterschiedlicher Branchen, auch durch von ihr verfasste Bücher und den Akao-Preis für die "Verbreitung und wissenschaftliche Weiterentwicklung der Methode QFD", den sie 2011 als erste deutsche Frau erhielt.

Auch heute noch steckt sie mit einem Bein im Beruf und gibt ihr umfassendes Wissen weiter. Wie zum Beispiel vor ein paar Wochen im Rahmen eines zweitätigen Seminars für Ingenieurinnen. Auch engagiert sie sich vielseitig, zum Beispiel im VDI-Netzwerk "Frauen im Ingenieurberuf" und im Deutschen Ingenieurinnenbund. Um stets auf dem neusten Stand zu sein, steht außerdem jedes Jahr eine Fahrt zur Hannover Messe Industrie an. Ihr Lieblings-Ingenieurthema ist dabei übrigens immer die Bionik.

Tipps für (angehende) Ingenieurinnen

Was ihr als Ingenieurin am meisten Spaß macht? Dass sie den Durchblick hat! Sie findet es toll, dass ihr bei technischen Themen niemand "Quatsch erzählen" kann. Diesen Durchblick, das technische Verständnis und die Unabhängigkeit wünscht sie allen Frauen. Frauen im Ingenieurberuf sind mittlerweile selbstverständlicher geworden, ist sie sich außerdem sicher. Unternehmen stellen Ingenieurinnen sehr gerne ein, denn: "wir sind anerkannt - man kennt unsere Stärken". Von den (angehenden) Ingenieurinnen wünscht sie sich, dass sie einfach mutig sind, sich mehr zutrauen, sich zeigen, für das einstehen, was sie tun und etwas sagen, wenn sie etwas zu sagen haben.

Für junge Leute hält sie es heutzutage wichtig, dass sie früh mit technischen Themen in Kontakt kommen und Vorbilder haben, an denen sie sich orientieren können. Als Ingenieur ist man da auf der sicheren Seite, denn es ist etwas Krisensicheres. Wichtig sei aber auch, dass Schülerinnen und Schülern immer bewusst ist, dass sie es selbst in der Hand haben, die Weichen für ihr zukünftiges Leben zu stellen. Und der Blick auf ihren Lebensverlauf gibt ihr da Recht.

Jutta Saatweber
Mit 77 ist Jutta Saatweber noch immer beruflich aktiv.
Jutta Saatweber
Das erste Jahr ihrer Ausbildung verbrachte Jutta Saatweber in einem Lehrkombinat in Genthin, 1954.
Jutta Saatweber
Ihre männlichen Kollegen verblüffte Jutta Saatweber, als sie in ihrem Praktikum problemlos mit Steigeisen auf einen Holzmast kletterte.
Jutta Saatweber
Semester-Ende 1960: Jutta Saatweber sitzt rechts neben dem E-Technik-Dozenten Dr. Winter.
Jutta Saatweber
Ihr Buch „Kundenorientierung durch Quality Function Deployment“ ist bereits in der 3. Auflage erschienen.
Jutta Saatweber
Bei der Akao-Preisverleihung in Stuttgart zusammen mit Professor Akao und Dr. Glenn Masur.
Jutta Saatweber
Jutta Saatweber mit dem Internationalen Akao-Preis im Neuen Schloss in Stuttgart.
Jutta Saatweber
Bei der Moderation eines QFD-Workshops.
Jutta Saatweber
Jutta Saatweber beim ersten internationalen Weltingenieurinnentag auf der EXPO 2000 in Hannover.
Jutta Saatweber
Jutta Saatweber bei der Verleihung der VDI-Ehrenmedaille im Industrieclub Düsseldorf.
Jutta Saatweber
Nach der Moderation des Festakts des Kongresses von „Frauen im Ingenieurberuf“ in München.
Jutta Saatweber
Ehrung nach 25-Jahren Engagement auf dem Messestand „Frau und Technik“ in Hannover.
Jutta Saatweber
Beim Women Power Kongress der Hannover-Messe, 2008.